Meyer, H.: Totwasser.
DR
braune Kongowasser an beiden Seiten desselben strömte und sich eine Schiffs-
jJänge dahinter wieder über dem grünen Wasser zusammenschloß.
Die Messungen der Strömung an der Oberfläche und in der Tiefe‘ haben
zwar auf der Reede von Banana keinen erheblichen Unterschied ergeben, doch
liegt dies daran, daß sie an einer Stelle und zu einer Zeit gemessen wurden,
wo sie überhaupt schwach waren. Es kann als feststehend angenommen werden,
wie dieses von Schiffen mehrfach beobachtet worden ist, daß letztere bei einigem
Tiefgange keineswegs die volle Gewalt des Oberflächenstromes zu überwinden
haben, sondern daß die Schiffe mit einem großen Teil ihres Rumpfes im Unter-
wasser schwimmen, das eine weit geringere, zuweilen (bei Flut) keine oder dem
Oberflächenstrom entgegengesetzte Richtung hat. Hierin liegt auch die unter
Umständen die Schiffe sehr gefährdende Ursache, daß sie dem Ruder nicht ge-
horchen, wenn sie nicht sehr frische Brise haben und viel Segel führen,“
Vor der Mündung des Frazer-Flusses an der Westküste von Britisch
Columbien herrschen: ähnliche Verhältnisse in bezug auf Steuerunfähigkeit von
Schiffen, wenngleich dort die Verhältnisse von denen in der Kongo-Mündung
wesentlich abweichend sind, In der die Insel Vancouver mit ihrer: Umgebung
vom Festlande trennenden breiten, tiefen Georgia-Straße herrschen ziemlich
regelmäßige Gezeitenströme. Der Fluß mündet über eine flache Barre fast
rechtwinklig in die Straße und sendet sein leichteres Wasser unter Umständen
quer über die Straße. Im British Columbia Pilot heißt es darüber auf S, 175:
„Die Gezeitenströme, obgleich längst nicht so stark wie in den Durchfahrten
des Haro-Archipels, laufen. doch mit beträchtlicher Geschwindigkeit, besonders
während des Sommers, wenn im Frazer-Flusse Oberwasser herrscht. Dann setzt
der Strom in südlicher Richtung aus dem Flusse hinaus, über die Bänke in
seiner Mündung und quer über die Georgia-Straße hinweg recht auf den Activ-
Paß zu. Das milchfarbig aussehende Flußwasser wird häufig bis jenseit der
Straße in die inneren Durchfahrten geführt, die die Insel Vancouver begrenzen
und von den ihr vorgelagerten Inseln und Untiefen trennen.“
Über einen Fall von Steuerunfähigkeit seines Schiffes in jener Gegend
berichtete Kapt. J.Früchtenicht, Führer des deutschen Vollschiffes „Wilhelm“
im. Jahre 1880, wie folgt:!) „Die aus dem Frazer-Flusse kommenden Wasser-
massen verbreiten sich zu gewissen Zeiten hufeisenförmig über die Georgia-
Straße. und erzeugen ein sogenanntes totes Wasser, Uns passierte es am
20, Juni 1880, daß wir in dieses Wasser gerieten, wo mit 100 m Leine kein
Grund zu erreichen war, und festsitzen blieben. Der Dampfer konnte mit voller
Kraft das Schiff nicht fortbewegen. Das Wasser war an der Oberfläche gelb
und stark brackig, während sonst das Wasser in der Straße tiefblau ist. Das
23 Fuß (7 m) tiefgehende Schiff blieb ruhig auf seinem Kurse liegen und zeigte
keine Neigung, sich zu drehen, . Ich hatte das Handlot mit 36 m Leine über
Bord hängen, konnte jedoch keine verschiedenen Strömungen wahrnehmen. Das
Lot blieb senkrecht hängen, aber ich fühlte ein beständiges Zittern und Schütteln
an der Leine. Wir peilten das Frazer-Feuerschiff mw. NNO 5 Sm entfernt.
Nachdem eine Stunde verflossen war und Lootse. und Steuerbaas über Hoch-
and Niedrigwasser. kalkuliert hatten, ließ ersterer das Schiff nach SW abfallen
und mehrere Segel setzen, worauf wir dann allmählich wieder in Gang kamen.
Die Zeit, als sich dieses zutrug, war von 9.bis 10'/% Uhr vormittags.“ ;
Diese typischen Beispiele dürften zur Charakteristik des sogenannten
Totwassers, das nur durch die Steuerunfähigkeit von Schiffen in die Erscheinung
tritt, genügen.
Es kommt zwar auch. in Flüssen, Straßen, Kanälen und Durchfahrten
oftmals vor, daß Schiffe zeitweilig dem Ruder nicht gehorchen und steuerunfähig
werden, aber festgehalten werden sie dabei vom Wasser nicht. Die dort vor-
kommenden Fälle der Steuerunfähigkeit rühren entweder daher, daß das Schiff
dem Grunde zu nahe kommt, oder daß es Stromkabbelungen, Stromwirbel oder
Neerströme passiert, in denen eine senkrechte Stromscheide vorhanden ist, Im
erstgenannten Falle kann das vom Schiffskörper verdrängte Wasser wegen
der Nähe des Grundes oder des Ufers nicht ungehindert wieder zur gleich-
mäßigen Verteilung gelangen, und es entsteht dadurch ein ungleicher Druck
x „Ann, d. Hydr. etc.“ 1881, S. 28.