Meyer, H.: Totwasser,
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Nachdem wir etwa einen Monat später wieder in See gehen wollten,
erging es uns ähnlich. Im Flusse selbst steuerte das Schiff vorzüglich, .doch
in der Nähe von Shark Point verlor es wieder seine Steuerfähigkeit, wie bei der
Ankunft. Wir trieben abwärts wieder nach der nordöstlichen Seite der Flußmündung
hinüber und mußten dort schließlich ankern. Vor Auker liegend, konnten wir durch
Ruderlegen das Schiff etwas ins Gieren bringen, daher wurde der Plan gefaßt,
nachdem wir durch zweimaligen Versuch wieder erfahren hatten, daß das Schiff
mit der Seebrise und dem Strom unter Leebug nicht von der Küste freizusegeln
war, es mit Hilfe des nächtlichen Landwindes und Ruderlage in eine strom-
abwärts gerichtete Lage ’zu bringen, um so die See zu gewinnen. Dieser Plan
gelang nachts in vorzüglicher Weise. Infolge des hart gelegten Ruders und
sämtlicher back geholten Vorsegel legte sich das Schiff beim Aukerlichten auf
Steuerbordbug‘ und entfernte sich dabei, ohne daß es zunächst steuerte, all-
mählich weiter vom Lande. Nach und nach erlangte es dann auch die Steuer-
fähigkeit wieder. .
Zur Klärung des ganzen Sachverhaltes ‚halte ich: eine so ausführliche
Wiedergabe jener Erlebnisse, die mir noch vollkommen klar in Erinnerung sind,
für notwendig. . ;
Kapt. A. Ziemann, Führer des Dreimastschoners „General Brialmont“
berichtete 1882 über die Einsteuerung in den Kongo das Folgende‘): - „Am
1. August 1882 lichteten wir um 10”V Anker bei Padron Point und befanden
uns um 12* bei Turtle Point. Hier faßte der Strom das Schiff derart, daß es
trotz seiner Fahrt von 4 Sm nicht zu steuern war. Mit Südwestwind lag das
Schiff beständig NOzO an. Es lief anscheinend eine starke Unterströmung in
den Kongo hinein. Während an der Steuerbordseite des Schiffes das Wasser
dunkelbraun war, hatte dasselbe an der Backbordseite hellgrüne Farbe. Die
Temperatur des dunkelbraunen Wassers an Steuerbordseite war 23,9° C, die
des grünen an der Backbordseite 17,7° C. Das braune Wasser war ziemlich
frisch, so daß man es zur Not hätte trinken können, während das grüne Wasser,
das an der andern Seite in die Höhe quoll, das reine Seewasser war. Als wir
uns der Mona Mazea-Bank näherten, konnten wir in dem dunkelbraunen Wasser
bei einer 3 Sın starken Strömung das Schiff bei 5. Sm Fahrt. gut steuern. Da
ich aber einsah, daß wir Banana vor Dunkelwerden nicht mehr erreichen konnten,
ankerten wir auf der Bank auf 9 m (5 Faden) Wassertiefe. Am folgenden Morgen
segelten wir unter Lotsenführung auf 7 bis 9 m (3 bis 4 Faden) Wassertiefe dicht
an der Bank entlang bei leichtem Südwestwinde aufwärts und ankerten um 4*
vor Banana.“
Nachdem Kapt. Ziemann noch längere Anweisungen für die Ansteuerung
des Kongo gegeben, schließt er diesen Teil folgendermaßen: „Der Versuch, an
Shark Point vorbeizusegeln;, ist nicht zu empfehlen. Infolge der starken Unter-
strömung, die hauptsächlich in der Mitte des Kongo herrscht, manövrierunfähig
gemacht, treiben die tiefergehenden Schiffe stets nach der Nordseite des Flusses
hinüber. Es mag ja gelegentlich einem Schiffe gelingen, an Shark Point vorbei
zu kommen, doch ist dies immer als ein Ausnahmefall. zu betrachten. Diese
mir vom Lotsen gemachte Aussage kann ich nach eigener Erfahrung bestätigen.“
. Ausgehend bemerkt derselbe Schiffsführer: „Da es mir nicht geraten
schien, in der‘ Nacht den Versuch zu machen, aus dem Kongo hinaus zu: treiben,
blieben wir vor Anker liegen und gingen am Morgen des 11. Oktober mit dem
Landwinde unter Segel. Alles ging auch anfänglich gut, Als‘ ich aber‘ die‘
Untiefe Lee Patches; auf die das Schiff gerade zutrieb und auf der die Wasser-
tiefe nach dem „Africa Pilot“ S. 81 nur 3,2 m (1% Faden), nach meiner Karte
5,0 m (2%4 Faden) betragen ‘sollte, um diese zu vermeiden über Stag geben
wollte, versagte das Schiff die Wendung. und war in keiner Weise auf seinen
Kurs zu bringen. Es blieb uns daher nichts übrig, als den Anker fallen zu
Jassen. Um 3* N konnte bei frischer südwestlicher Brise der Anker wieder
gelichtet werden. Der Strom ‚setzte mit 3 Sm Geschwindigkeit nach NNW.
Da’ es nicht möglich-war, das Schiff über Steuerbordhug unter Segel zu bringen;
30 ließ ich erst auf Backbordbug steuern. Bei 6 Knoten Fahrt durch das
Wasser steuerte das Schiff gut, als es aber: beim: Wenden bereits 3'/2 Strich
* „Ann. d. Hydr. etc.“ 1883, S. 164 ff,