Nansen u, Meyer: Was ist Totwasser?
311
Der weitere Schluß Nansens, daß das Totwasser auf der „Fram“-Expedition
nichts mit Strom zu tun hatte, weil man es fand, nach welcher Richtung man
sich auch bewegte, ist durchaus nicht beweiskräftig, denn dasselbe muß ebenfalls
eintreten, sobald ein Richtungsunterschied in der Bewegung der beiden Wasser-
schichten vorhanden ist. Um die Fahrt erheblich zu verringern, genügt in
diesem Falle schon ganz schwacher Strom, den man eben nur feststellen kann,
wenn man vor Anker liegt. Da das Treibeis; das von Nansen als die Grenze
des Totwassers angegeben wird, deutlich für eine abweichende Bewegung der
oberen Wasserschicht von der Unterlage spricht, Nansen auch nicht behauptet,
daß im Taymür-Sunde überhaupt kein Strom gefunden sei, sondern nur „beinahe
kein Strom“, so ist durchaus nicht bewiesen, daß jenes Totwasser nichts mit
Strom zu tun hatte, sondern alle Anzeichen deuten eher das Gegenteil an, zumal
auch das leichtere Wasser sich in der unbegrenzten Fläche nicht ohne Aus-
breitung auf der schwereren Unterlage erhalten kann. .
Es wird nun angedeutet, daß das eigentliche Totwasser auf einem, den
Physikern bisher ganz unbekannt gebliebenen Phänomen beruhe, einer großen
Welle, die sich nach zahlreichen Experimenten des Herrn Dr. Ekman hinter
einem Schiffe bildet, wenn solches durch eine leichte Wasserschicht bewegt
wird, die auf einer schwereren Unterlage ruht, und die imstande sein soll, die
Fahrt des Schiffes auf ein Fünftel zu reduzieren.
Dieser Satz ist nicht ganz verständlich. Sofern ein solches Schiff oder
Modell nur durch die obere Schicht, wie Nansen ausdrücklich sagt, bewegt
wird, würde dieses Experiment nicht den Fall von Totwasser treffen, bei dem
das Schiff in beide Schichten taucht, wie es in den von mir angeführten Bei-
spielen und auch bei der „Fram“ der Fall war. . In diesem Falle würde vielmehr
ein ähnliches Verhältnis obwalten, wie wenn ein Schiff auf flachem Wasser
fährt, wo der Grund, wie die schwere salzige Unterlage beim Experiment, wirkt.
Die so entstehende Heckwelle, in der Schiffahrt allgemein bekannt und gewöhnlich
Sogwelle genannt, bildet seit langer Zeit ein Studium schiffahrts- und schiffbau-
technischer Kreise, und ihre Ursache und Wirkungen sind bis zu einem gewissen
Grade lange bekannt. Ihr Verhalten weicht indessen von dem von Dr. Kkman
gefundenen insofern erheblich ab, als sie sich mit der Zunahme der Geschwindigkeit
des fahrenden Schiffes vergrößert und bei ganz langsamer Fahrt verschwindet.
Diese Sogwelle beeinträchtigt besonders die Geschwindigkeit schnellfahrender
Schiffe, und zwar auch noch bei beträchtlicher Wassertiefe. In der letzten
Sitzung der englischen Schiffbautechnischen Gesellschaft im März d. J. wurde
ein Beispiel der Probefahrten eines Torpedobootes angeführt, das mit 6200 P.5S.
auf 8!/s Faden (15 m) Wassertiefe 21,3 Sm, auf 9'/4 Faden (17 m) Wassertiefe
22,0 Sm, auf 10 Faden (18,3 m) Wassertiefe 24,6 Sm und auf 16 Faden (29 m)
Wassertiefe 25,2 Sm Geschwindigkeit in der Stunde erreichte.
Es ist nun ohne weiteres klar, daß, wenn die Schichtung zweier Flüssig-
keiten streng vorhanden ist, durch die Vorwärtsbewegung eines in der oberen
Schicht schwimmenden Schiffes und die dadurch notwendig werdende Füllung
des entstehenden leeren Raumes auch die obere Schicht für sich allein eine
Sogwelle bilden muß. Solches muß in noch stärkerem Maße der Fall sein, falls
das Schiff gleichzeitig in beide Schichten taucht, weil der größere Querschnitt
des Schiffes dann in der oberen Schicht sich befindet und demgemäß auch dort
wiederum der stärkste Zufluß des Wassers stattzufinden hat. Dadurch kann
natürlich die Fahrt des Schiffes um etwas verlangsamt werden. Ob aber eine
so strenge Schichtung des Wassers in der Natur überhaupt besteht oder auch
nur bestehen kann, erscheint sehr zweifelhaft; es ist vielmehr wahrscheinlich,
daß der durch den Vorwärtsgang des Schiffes entstehende leere Raum mindestens
zum großen Teil durch sofortiges Aufquellen der schwereren Wasserschicht aus-
gefüllt wird. Mir ist die künstliche Herstellung solcher streng getrennter
Schichten trotz vielfacher Versuche mit Wasser nicht gelungen, denn bei der
geringsten Bewegung beider Schichten, selbst mit den winzigsten Modellen, fand
sofort eine Mischung derselben statt.
In seinem Werke ‚spricht Nansen von einer solchen großen Heckwelle
auch nicht. Die einzige Äußerung über die Art des Auftretens der Erscheinung
lautet wörtlich: „Das Totwasser zeigt sich als größerer oder kleinerer Wasser-
rücken oder als Wellen, die sich quer übers Kielwasser erstrecken, die eine