310 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juli 1904.
Beschreibung erwähnt ist. In dem Taimür-Sund war zu der Zeit beinahe kein
Strom, weder in der Oberflächenschicht, noch in der unteren Salzwasserschicht.
Auf die Veranlassung von Prof. Vilhelm Bjerknes und dem Verfasser
hat Dr. V. Walfried Ekman eine eingehende Untersuchung, mit Experimenten,
von dem Totwasser gemacht. Seine Ergebnisse werden jetzt in einer umfang-
reichen Abhandlung gedruckt, die in „The Norwegian North-Polar Expedition
1893—96, Scientific Results, Band V“ (Brockhaus, Leipzig), bald erscheinen
wird. Ich finde es daher nicht zweckmäßig, auf dieses Thema hier näher ein-
zugehen; nur so viel kann ich sagen, daß das Totwasser auf einem den Physikern
bisher ganz unbekannt gebliebenen Phänomen beruht. Durch Ekmans zahl-
reiche Experimente hat es sich gezeigt, daß, wenn eine Schicht von verhältnis-
mäßig leichtem Wasser (warmem oder salzarmem Wasser) auf schwererem
Wasser ruht, und wenn ein Schiff (oder im Laboratorium ein kleines Schiffs-
modell) sich durch die obere Schicht bewegt, auf der Oberfläche des schwereren
Wassers hinter dem Schiffe eine große Welle auf Kosten der Bewegungsenergie
des Schiffes sich bildet. Solche Wellen können sich, je nach ihrer Wellenlänge
mit einer jeden Geschwindigkeit, doch nicht über einer gewissen maximalen
Geschwindigkeit bewegen. Nur wenn das Schiff sich mit einer geringeren
Geschwindigkeit bewegt, wird es diese Wellen bilden, wobei seine Geschwindigkeit
bis auf ein Fünftel reduziert werden kann, Daher erklärt sich leicht, warum
Segelschiffe mehr als die öfters schnelleren Dampfschiffe dem Totwasser aus-
gesetzt sind. Es erklärt sich hierdurch auch leicht, warum die Segelschiffe dem
Totwasser besonders ausgesetzt sind, wenn sie durch den Wind wenden sollen,
denn eben dann mag die Fahrt genügend reduziert sein. An vielen Stellen,
wie z. B. an der Mündung von Glommen (Fredrikstad), ist das Totwasser ein
beträchtliches Hindernis der Seefahrt, besonders für bugsierte Schiffe und Segel-
schiffe; eine genaue Kenntnis des Phänomens und der Art und Weise, wie ihm
zu entgehen ist, mag auch von praktischer Bedeutung sein. Es würde von
Interesse sein, so viele Erfahrungen in dieser Beziehung wie möglich von den
verschiedenen Gegenden zu sammeln. Von den norwegischen Küsten hahen
wir jetzt ein ziemlich reichhaltiges Material, aber von anderen Weltteilen liegt
noch sehr wenig vor. ;
Lysaker, 15. März 1904. Fridtjof Nansen.
Auf das mir durch die Güte der Redaktion der „Ann, d. Hydr. etc.“
zugestellte Manuskript des Herrn Prof. Dr. Nansen „Was ist Totwasser?“
fühle ich mich veranlaßt, einiges zu bemerken, da die Behauptung in demselben,
daß ich in meiner Arbeit über Totwasser nur von Spekulationen ausgegangen
sei und ein ganzes System von scheinbar sehr plausiblen Gründen aufgebaut
habe, die auf falschem Grunde ruhen, ein Schweigen meinerseits verbietet.
Zunächst bemerke ich, daß ich bei der Beurteilung der von mir be-
schriebenen und mir vollständig bekannten Verhältnisse nachgewiesen habe, daß
in allen von mir angeführten Beispielen eine wagerechte Schichtung des
Wassers und gleichzeitig eine ungleichartige Bewegung dieser Schichten vor-
handen war. Unter Berücksichtigung der Bauart aller Schiffe muß daher unter
solchen Verhältnissen ein Zustand in Erscheinung treten, der dem von Nansen
in seinem Werke „In Nacht und Eis“ erwähnten Phänomen „Totwasser“
ähnlich ist.
Wenn nun Nansen in dem ersten Satz seiner Mitteilung sagt, daß in
meiner Arbeit mehrere sehr schöne Fälle von Totwasser von Gegenden be-
schrieben seien, von denen bis jetzt nur vereinzelte Fälle bekannt geworden
sind, ferner, daß es zwar so ist, daß durch Verschiedenheit der Stromrichtung
in den verschiedenen Wasserschichten Wirkungen hervorgerufen werden können,
die mit Totwasser eine gewisse ‚Ahnlichkeit haben können, trotzdem dieses
aber ein ganz verschiedenes Phänomen sei, so stehen diese Ausführungen in
direktem Widerspruch miteinander. Entweder sind alle von mir angeführten
Fälle Totwasser oder keiner von ihnen, denn bei allen beruhte die in Er-
scheinung tretende Wirkung auf den Fortgang oder die Steuerfähigkeit der
betreffenden Schiffe ohne jeden Zweifel auf Verschiedenheit des Stromes in den
wagerecht gelagerten Wasserschichten.