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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 32 (1904)

Schott, G.: Über die Grenzen des Treibeises bei der Neufundlandbank ete, 309 
Wenn das Luftdruckminimum, welches im allgemeinen im Süden oder Süd- 
westen von Island liegt, daselbst fehlt oder flach ist, so sind meistens zwei andere 
Gebiete mit besonders niedrigem Luftdruck ausgestattet, erstens der nordöstliche 
Teil des europäischen Nordmeeres, also die Gewässer bei den Lofoten und dem 
Nordkap, und zugleich zweitens die amerikanischen Gewässer südlich von CO°, 
ja 55° N-Br., so daß beide Depressionsgebiete durch einen Rücken relativ hohen 
Druckes in der Gegend von Ostgrönland—Island—Schottland geschieden werden. 
In diesem Falle, den. z. B. die Monatsisobaren für Januar und April 1881 klar 
zeigen, müssen gemäß den aus der Luftdruckverteilung abzulesenden vor- 
herrschenden Luftströmungen nordwestliche und. westliche Winde zwischen 
Spitzbergen, Jan Mayen und Island wehen und das dortige Eis im Frühjahr 
weit nach Süden und Osten führen (eisreiches Jahr im Nordostteil des Atlan- 
tischen Ozeans), zugleich aber halten aus derselben Druckverteilung sich ergebende 
östliche Winde auf der Strecke Labrador—Neufundland das Eis der Baffins-Bai 
zurück (eisarmes Jahr im Nordwestteil des Atlantischen Ozeans). ; 
Beherrscht dagegen das eine isländische Luftdruckminimum als „Aktions- 
zentrum der Atmosphäre“ die gesamte Situation, indem ein einziger stark ausge- 
prägter, riesiger atmosphärischer Wirbel von Labrador bis Europa reicht, dessen 
Zentrum an der Südwestküste Islands liegt, so haben wir zugleich hohen Druck bei 
den Lofoten und bei Neufundland, also an denjenigen Stellen, wo im vorhergehen- 
den, besprochenen Falle Luftdruckminima lagen; die Folge sind östliche und nord- 
östliche Winde zwischen Island — Jan Mayen — Spitzbergen (eisarmes Jahr im 
Nordostteil des Atlantischen Ozeans), nordwestliche und westliche Winde an 
der Küste von Labrador und Neufundland (eisreiches Jahr im Nordwestteil des 
Atlantischen Ozeans). Ein gutes Beispiel für diese zu der Wetterlage vom 
Jahre 1881 gegensätzliche Wetterlage bieten die Monatsisobaren vom Früh- 
jahr 1884, im speziellen die des Februar und März. 
Der Weg zu einer praktischen Verwertung dieses Ergebnisses. ist klar und 
seine Beschreitung vielleicht in Zukunft gar nicht so unmöglich. Nach den 
Brenneckeschen Untersuchungen ist die Lage der ostgrönländischen Eis- 
grenze im Sommer abhängig von den in den Monaten März bis Mai zwischen 
Grönland und Nordskandinavien herrschenden Luftdruckgradienten; die Wirkung 
des meteorologischen Faktors tritt also dortselbst erst nach Verlauf einer er- 
heblichen Zeit zutage. Diese Verspätung dürfte allgemein gelten. Da ferner 
zwischen ostgrönländischer und neufundländischer Eisverbreitung der gekenn- 
zeichnete enge Zusammenhang besteht, so würde man, wenn man im Winter und 
Frühjahr fortlaufende Nachrichten über Windrichtung und Luftdruck von Labrador, 
Ostgrönland und Island bekommen könnte, eine wissenschaftlich begründete 
Voraussage auf die wahrscheinlichen Eisverhältnisse im Frühjahr und Sommer 
machen können. 
Was ist Totwasser? 
Die Abhandlung „Totwasser“ von Kapt. H. Meyer („Ann. d. Hydr. etc.“ 
1904, S. 20) habe ich mit großem Interesse gelesen; denn fürs erste sind darin 
mehrere sehr schöne Fälle von Totwasser in Gegenden beschrieben, von denen 
bis jetzt nur vereinzelte Fälle bekannt geworden sind, und fürs andere ist diese 
Abhandlung eine sehr lehrreiche Warnung, wie man, nur von Spekulationen 
ausgehend, leicht ein ganzes System von scheinbar sehr plausiblen Schlüssen 
aufbauen kann, die aber auf falschem Grunde ruhen. Zwar ist es so, daß durch 
Verschiedenheit der Stromrichtung in den verschiedenen Wasserschichten 
Wirkungen hervorgerufen werden können, die mit. Totwasser eine gewisse 
Ahnlichkeit haben, trotzdem ist aber dieses‘ ein davon ganz verschiedenes 
Phänomen. Daß z. B. die Fälle von Totwasser während der „Fram“-Expedition 
mit den Stromrichtungen oder Stromgeschwindigkeiten. der oberen Wasser- 
schichten nichts zu tun hatten, wäre schon daraus zu schließen, daß die „Fram“ 
Totwasser hatte, in welcher Richtung sie sich auch bewegte; was ja in meiner
	        
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