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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juli 1904.
Vergleichen wir hiermit die zur entsprechenden Periode bei der Neu-
fundlandbank aufgetretenen Eisverhältnisse, so ist in geradezu überraschender
Weise ein Zusammenhang unverkennbar; die Jahre, welche bei Ost-
ygrönland—Island—Spitzbergen eisreich gewesen sind, sind bei der
Neufundlandbank eisarm gewesen, und umgekehrt haben eisarme
Jahre bei Ostgrönland—Island-— Spitzbergen als eisreiche Jahre in
der Neufundlandgegend sich erwiesen. Normalen Eisverhältnissen
endlich auf der Strecke Ostküste Grönlands—Island-— Spitzbergen
entsprachen auch normale Eisverhältnisse in den neufundländischen
Gewässern.
In den neun Jahren 1880, 1881, 1883, 1884, 1885, 1836, 1888, 1890
und 1891 gelten diese Beziehungen durchaus; in den Jahren 1882 und 1887,
welche eisreich zwischen Grönland, Island und Spitzbergen gewesen sind,
herrschte in der Nähe der Neufundlandbank nicht gerade Eisarmut, doch waren
die beobachteten Eisverhältnisse im ganzen normal. Das Jahr 1889, welchem
eine Sonderstellung zukommt — vgl. Fußnote S. 307 —, war eisarm auf der
Strecke Grönland--Island— Spitzbergen; der hierzu gegensätzliche Eisreichtum
kam auf der amerikanischen Seite auffälligerweise erst im Herbst zur Erscheinung.
Im ganzen ist also, so darf man sagen, während des gesamten zwölfjährigen
Zeitraumes 1880 bis 1891 die oben ausgesprochene gegensätzliche Beziehung
zwischen ostgrönländischem Eis und neufundländischem Eis niemals ganz durch-
brochen gewesen. Zur endgültigen Entscheidung der Frage, ob diese Beziehung
auch in späteren Jahren bestanden hat und somit als eine allgemein gültige
Tatsache anzusehen ist, dazu gehören weitere Untersuchungen, zu welchen die
vorstehenden Zeilen den Anstoß geben möchten.!) Immerhin glaube ich doch
schon nach dem Beobachtungsmaterial der zwölf Jahre die Überzeugung aus-
sprechen zu dürfen, daß ein Zufall ausgeschlossen ist. Am schlagendsten sind
wohl die Verhältnisse des Jahres 1881. Auf der Neufundlandseite erschien in
diesem Jahre 1881 überhaupt kein Eis; es war, wie wir oben sahen, das einzige
Jahr der zwölfjährigen Periode, in dem ein absolutes Fehlen von Eis beobachtet
wurde. Dieser vollkommenen Eisarmut der amerikanischen Seite entsprach in der
isländisch-spitzbergischen Gegend eine ganz ungemein schwere und weitreichende
Eistrift. Brennecke sagt darüber a. a. 0. S. 65: „Im Jahre 1881 liegen die
Grenzen des Eises so weit östlich wie in keinem der anderen eisreichen Jahre.
Die Insel Jan Mayen auf dem 71. Grade nördlicher Breite ist während der
Monate März bis Juli stetig innerhalb der Eisgrenze; die Bären-Insel ist im
Mai völlig vom Eise besetzt, und noch im Juli geht die Eisgrenze südlich von
Spitzbergen vorbei. Aber auch Island hat ein äußerst ungünstiges KEisjahr.
Das Eis besetzte schon zu Beginn des Jahres die Nordküste der Insel und
gelangte im April bis Kap Reikjanaes an der Südwestküste, während es im
Mai die ganze Ost- und Nordküste besetzt hielt.“
Daß die Erkenntnis eines ursächlichen Zusammenhanges der Eisver-
hältnisse im nordöstlichen Teile des Nordatlantischen Ozeans mit denen im
nordwestlichen Teile desselben Ozeans von großer Bedeutung sein würde, liegt
auf der Hand. Der Weg dazu ist durch die methodisch wichtigen Ausführungen
Brenneckes*) gewiesen; von ihnen geleitet, habe ich im Hinblick auf die
abnorm großen Triften des Frühjahrs und Sommers 1903 kürzlich‘) an den
Jahren 1881 und 1884, die grundverschieden in bezug auf Eis waren, den
Einfluß der vorherrschenden Luftströmungen (oder Luftdruckverteilung) auf die
geographische Ausbreitung des Eises in der Neufundland- und Labradorgegend
anzudeuten versucht, Der Eismangel oder Eisreichtum bei Island und Neu-
fundland hängt dann offenbar in letzter Linie auch von der mittleren Luftdruck-
verteilung in den betreffenden Gegenden ab; davon gewähren eine vorzügliche
Anschauung die Monatsisobaren, die den Quartalsbänden der täglichen synop-
schen Wetterkarten vom Nordatlantischen Ozean am Schluß beigefügt sind.
ersehen
1) Für 1903 gilt die abgeleitete Beziehung auch, wie aus Kapt. Gardes Bericht zu
ist.
27A. a. O0. S. 52.
3 „Ann. d. Hydr. ete.“ 1904. S. 285.