20 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Januar 1904
— 35,4° und Minimum von — 40,8°, Das ist gegenüber den Temperaturen der
Nordpolarregionen nicht eben niedrig. Aber es ist nicht zu bezweifeln, daß
die unbehinderte Strahlung unter dem wolkenlosen Himmel des Inlandeises tiefer
im antarktischen Lande selbst sehr viel niedrigere Temperaturen erzeugen wird.
Auch auf der verhältnismäßig milden Winterstation war bei der stetig großen
Windstärke die Kälte doch recht empfindlich, und so hören wir, daß Wind-
anzüge sehr begehrt waren, von denen stetig neue aus Bramtuch hergestellt
werden mußten, die man dann über gewöhnlicher Winterkleidung trug. —- Die
Niederschlagsmessungen ergaben viele Schwierigkeiten, die Höhe des Schnees
war, da dieser vom Winde hin und her gefegt wurde, kaum zuverlässig zu
bestimmen. Neben Schnee und Graupeln wurde auch feiner Sprühregen, meist
vermischt mit Schneeflocken, im Dezember und Januar vereinzelt beobachtet.
Am Gaußberge zeigten sich an den Landwinden föhnartige Eigenschaften. Die
dort am Inlandeise gemessene Verdunstung betrug 4 cm in fünf Monaten. -—
Dr. Bidlingmaiers sehr interessanter Bericht über die magnetischen
Beobachtungen läßt für die ausführliche Bearbeitung besonders wichtige Be-
reicherungen unserer Kenntnis vom Erdmagnetismus erwarten. Auf der Winter-
station wurde eine Mißweisung von 61° W, eine Inklination von 77° S und eine
Horizontalintensität von 0,131 c. g. 8. gefunden; nach Dr. Neumayers Karten
in Berghaus „Physikalischem Handatlas“ waren für 1885 daselbst die ent-
sprechenden Werte: 59° W, 79° S, 0,108 c.g.s. Die Winterstation lag vom
südlichen Magnetpol der Erde rund 1500 Sm nach Nordwest entfernt, während
die britische Expedition nur 250 Sm im Südosten desselben überwinterte.
Wollten wir die relativen Stellungen beider zum Magnetpol auf die nördliche
Hemisphäre übertragen, so würden wir „Gauß“ etwa an den Kotzebuesund
nördlich von der Bering-Straße, und „Discovery“ etwas östlich vom Winterlager
Franklins 1845/46 im Lancastersund (bei 90° W-Lg.) ansetzen müssen. — Die
Registrierungen der magnetischen Variationen erstreckten sich über 10 volle
Monate; sie ergaben für den Südsommer eine besondere Unruhe, die das drei-
fache Maß der winterlichen Schwankungen überstieg. Magnetische Ungewitter
wurden 77 in den Sommermonaten und nur 34 im Winter verzeichnet; in letzterem
schwankte dabei die Deklination um 1° bis 1'/2°, die Horizontalintensität um
0,003 bis 0,004 ec. g. s. Ebenso zeigten die auch im Winter registrierten Kurven
einen scharfen Gegensatz zwischen Tag und Nacht: die nächtliche Kurve war
fast gradlinig bis auf die Unterbrechung während der magnetischen Ungewitter
(von 1 bis 2 Stunden Dauer bei oder gleich nach Mitternacht); bei Tage aber
verlief sie fortwährend in Wellen und Zacken gekräuselt. — Bemerkenswert
für nautische Zwecke sind dann noch Versuche Dr. Bidlingmaiers mit einem,
von ihm an Bord neu konstruierten Doppelkompaß zur Bestimmung der Horizontal-
intensität während der Fahrt: es sind zwei in fester Entfernung senkrecht über-
einander aufgestellte Kompasse, deren gegenseitige Ablenkung ein relatives
Maß für die Horizontalintensität abgibt. Das Verfahren ist viel müheloser als
mit der üblichen Horizontalnadel und hat sich auf der Heimreise hereits
gut bewährt.
So werden wir von der deutschen Südpolar-Expedition auf allen Ge-
bieten der physischen Erdkunde die wichtigsten Bereicherungen mit Zuversicht
erwarten dürfen.
Totwasser.
Von Kapt. H. Meyer, Assistent bei der Seewarte.
In seinem Werke „In Nacht und Eis“ führt uns Nansen eine Natur-
erscheinung vor, die er deutsch mit dem Namen Totwasser — dänisch Doedvand
-— benennt, und die unter den norwegischen Seeleuten allgemein unter diesem
Namen bekannt sein soll. Er sagt zunächst auf S. 146 des ersten Bandes dieses
Werkes: „Die „Fram“ hatte Totwasser und wollte fast nicht vom Fleck, trotzdem
die Maschine vollen Druck hatte. Es ging so langsam, daß ich vorzog, im Boot
rorauszurudern, um Seehunde zu schießen.“