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Volltext: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 32 (1904)

286 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juni 1904, 
beeinflußt hat; es muß gewiß ursächlich, und zwar als zweiter Faktor, bei 
der Erklärung der besonderen Wärmeverhältnisse des Ozeans im Jahre 1903 
auch herangezogen werden. Aber die Hauptfrage ist dabei diejenige nach der 
regionalen und zeitlichen Begrenzung speziell dieses Einflusses des Kisvorkommens, 
Wenn wir uns vergegenwärtigen, daß das Eis schon vom Monat März ab bis 
Juli einschl. die Schiffahrtswege in der Neufundland-Gegend belästigt hat, daß 
die dort seit Februar bestehende positive Temperaturanomalie aber erst vom 
Mai ab verschwindet, so, hat das Eis, dessen thermischer Einfluß mit in den 
allgemeinen thermischen Anderungen aufgegangen ist, etwa zwei Monate gebraucht, 
bis seine Wirkung offensichtlich wurde; diese thermische Wirkung wird dann 
anderseits im Herbst auch etwa zwei Monate länger bestanden haben, nachdem das 
Eis als solches schon verschwunden war. Wir kommen damit zu dem Schluß, 
Jaß eine direkte Beeinflussung der Wassertemperatur durch das Eis im Bereich 
der neufundländischen Gewässer für die Monate Mai bis September 1903 einschl, 
wahrscheinlich stattgefunden hat; sichere Beweise für eine solche Beeinflussung 
sinzelner Gebiete sind die auf S. 282 für 70°-—50° W-Lg. angeführten Fälle, in 
denen in den Monaten von Mai bis August ein vom normalen jährlichen 
Temperaturgang abweichender Temperaturgang festgestellt ist. — Zugleich 
ergibt sich aus den letzten Sätzen, daß weder im Sommer 1903, in welchem 
frühestens die Eiswirkung zur europäischen Küste gelangt sein könnte, noch 
im Herbst 1903 eine Ausdehnung dieses thermischen Einflusses der KEisberge 
bis herüber nach Europa sich bemerkbar gemacht hat; die auf S. 282 für die 
Längen 35°—-5° W mitgeteilten Abweichungen vom normalen jährlichen 
Temperaturverlauf fallen sämtlich in das Frühjahr. Es ist somit nicht an- 
zunehmen, daß das Eis des Jahres 1903 als solches irgend eine 
anmittelbare Wirkung auf die Wärmeverhältnisse Westeuropas im 
Jahre 1903 ausgeübt hat; eine solche Wirkung blieb vielmehr auf die Neu- 
fundland-Gegend beschränkt und zeigte sich auch in der letztgenannten Gegend 
nur zeitweise in den Monaten Mai bis September. 
Eine solche Einschränkung der Bedeutung des Eisvorkommens für die 
Meerestemperatur dürfte auch den Anschauungen der nautischen, praktischen 
Kreise entsprechen. Selbst in den Neufundland-Gewässern macht sich die vom 
Eise bedingte Abkühlung nur erst einer besonderen Untersuchung bemerkbar, 
welche die normalen Werte und den normalen jährlichen Gang zum Vergleich 
heranzieht., Im übrigen ist auch im Jahre 1903 die alte Erfahrung bestätigt 
worden, daß das Eis im Nebel keineswegs mit irgend einer Sicherheit durch 
ein unvermitteltes und unverkennbares Fallen der Wassertemperatur angezeigt 
wird; zahlreiche Fälle sind gemeldet, in denen gewaltige Eismassen ringsum 
waren, ohne daß vor- und nachher erhebliche Anderungen der Wasserwärme 
zur Beobachtung gelangten, anderseits ebenso viele Fälle, in denen bei klarem 
Wetter weit und breit kein Eis zu sehen war und doch riesige und plötzliche 
Temperatursprünge eintraten. Die ozeanographischen Verhältnisse liegen eben, 
zumal bei der Neufundlandbank, zu verwickelt, als daß man bei dickem Wetter 
irgend eine einwandfreie, sichere Warnung vor Eis aus den Wassertemperaturen 
erhalten oder ableiten könnte. Im besonderen ist der meist plötzliche 
Temperaturrückgang, den alle die konventionellen Wege benutzenden Dampfer 
zu allen Jahreszeiten zwischen 52° und 48° W-Lg, besonders unter 50° oder 
49° W-Leg., beobachten, mögen sie westwärts oder ostwärts bestimmt sein, eine 
feststehende ozeanographische Erscheinung, die mit dem Eise als solchem nichts 
zu tun hat; so hat z. B. Dampfer „Bethania“, Kapt. Gronmeyer, am 
{5. April 1903 auf 42° 11‘ N-Br. und 49° 43‘ W-Lg. eine Wassertemperatur von 
nur + 1°, ohne Eis zu sehen, kurz vor- und nachher aber erheblich höhere 
Temperaturen, und solche Fälle ließen sich leicht vermehren. Zwischen 49° 
und 51° W-Lg. treibt eben der Labradorstrom zu allen Jahreszeiten sein kaltes 
Wasser am weitesten nach Süden vor. Aufmerksamkeit bei den Schiffsführern 
erwecken und eine leise Mahnung zu vermehrter Vorsicht geben sollten 
Temperatursprünge aber dann, wenn sie außerhalb der eben bezeichneten 
Längengrade in Gegenden auftreten, die nach sonstigen Erfahrungen Eisberge 
oder Treibeis gelegentlich führen. Kin Beispiel hierfür bietet die Reise des 
Dampfers „Pennsylvania“, Kapt. Spliedt, von Hamburg nach New York,
	        
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