Schott, G&.: Die große Eistrift bei der Neufundlandbank etc, im Jahre 1903. 285
angedeutet, werden wir hierin erst nach einigen Jahren klar sehen, wenn die
synoptischen Wetterkarten des Nordatlantischen Ozeans für 1903 fertig vor-
liegen, wobei die Beobachtungen gerade der Stationen ‚von Labrador, Grönland,
Island etc. unentbehrlich sind. Höchstwahrscheinlich haben im Winter 1902/03
und Frühjahr 1903 über dem Gebiete des Liabradorstromes vorwiegend Nord-
west- und Nordwinde geweht, über dem Gebiete des Golfstromes Süd-, Südwest-
und Westwinde, also Winde, die in beiden Fällen Anlaß zu einer Beschleunigung
der Strömung und damit auch zu schärferer Ausprägung der ihnen eigentümlichen
Wärmeverhältnisse gegeben haben werden.
Es sind diese Angaben nicht lediglich Vermutungen; denn eine Unter-
suchung über die Treibeisgrenzen in den Neufundland-Gewässern der Jahre 1880
bis 1891, welche in einem der nächsten Hefte dieser Zeitschrift folgen wird,
zeigt im besonderen für die Jahre 1881 und 1884, die hinsichtlich der Eismengen
grundverschieden waren, daß auch die vorwiegenden Winde dieser zwei Jahre
in den entsprechenden Monaten (Januar bis April) ungemein verschieden waren,
ja fast entgegengesetze Richtungen hatten. Das eisarme Jahr 1881 brachte
nämlich im Labradorstromgebiet ganz vorwiegend östliche und nordöstliche
Winde (mit Ausnahme des Februar), im Golfstromgebiet nördliche und nord-
westliche Winde, fast gar keine südlichen Winde (wiederum mit Ausnahme des
Februar); das sehr eisreiche Jahr 1884 dagegen — mit welchem das Jahr 1903
zu vergleichen wäre — zeigte über dem Labradorstrom nahezu ausschließlich
Nord- und Nordwestwinde, über dem Golfstrom aber vorherrschende West-,
Südwest- und Südwinde. Diesen durchgreifenden Unterschied in der allgemeinen
Richtung der Luftbewegung der Monate Dezember 1880 bis April 1881 einerseits
und der Monate Dezember 1883 bis April 1884 anderseits erhält man bei einer
auf Grund der täglichen synoptischen Wetterkarten des Nordatlantischen Ozeans
vorgenommenen Auszählung der beobachteten bezw. abgeleiteten Windrichtungen,
Noch klarer und einfacher fast ergibt sich dieser Unterschied aus einem Ver-
gleich der den eben erwähnten Karten beigetügten mittleren Monatsisobaren,
indem man nach dem Vorgange von Meinardus!) und Brennecke”) aus
diesen Isobaren die mittlere Zirkulationsrichtung der Luft ableitet. Im eisarmen
Winter und Frühjahr 1881 lag — immer mit Ausnahme des Februar — das
nordatlantische Luftdruckminimum vergleichsweise sehr weit südlich, auf
45° N-Br., ja sogar in der Nähe der Azoren, und anderseits so weit westlich
wie die Ostküste von Neufundland; im eisreichen Winter und Frühjahr 1884
aber finden wir das Zentrum der Depressionen fast immer bei Kap Farewell
und bei Island, zeitweise in einer flachen Rinne nach SW bis zur Ostküste der
Vereinigten Staaten ausgreifend. Aus all diesem geht hervor, daß die Luft-
druckverteilung schließlich auch für die Eisverbreitung in der Nähe der Neu-
fundlandbank von maßgebendem Einfluß wird, wie dies jüngst Brennecke*) an
einem anderen Beispiele, an der Lage der Eisgrenze zwischen Grönland, Island
and Spitzbergen in den verschiedenen Jahren, klar nachgewiesen hat. — Nebenbei
sei bemerkt, daß auffälligerweise das Jahr 1881, welches ganz ungewöhnlich
eisarm auf der Neufundland-Seite gewesen ist, im Nordosten des Atlantischen
Ozeans, also zwischen Island und Spitzbergen,. sehr eisreich sich gezeigt hat,
und daß. in entsprechender Weise das im Westen, d.h. bei Neufundland, sehr
eisreiche Jahr 1884 ein eisarmes für den Nordosten, für Island und Spitzbergen
gewesen ist. In einer besonderen Untersuchung wird ‚demnächst festgestellt
werden, ob regelmäßig solch gegensätzliches Verhalten hinsichtlich der
relativen Eismenge zwischen den bezeichneten zwei Meeresgebieten besteht oder
nicht. Auch die Abhängigkeit des‘ Eisreichtums oder der Eisarmut von Strom,
Wind, Luftdruck in der Neufundland-Gegend sollte für eine längere Periode
klargestelit werden;*) hier konnte nur auf die Jahre 1881 und 1884 hingewiesen
werden, um das Typische der Verhältnisse festzulegen. —
Die vorstehenden Darlegungen sollen nun keineswegs ausschließen, daß
im Jahre 1903 das Eis als solchea die. Temperaturen des. Meerwassers auch
„Zeitschrift d. Ges. f. Erdkunde“, Berlin 1898, S. 197.
„Ann. d, Hydr. etc.“ 1904, S. 53.
‚ As. O,, S. 61. .
‘) Soeben wird mir mitgeteilt, daß in der Tat dieses sehr interessante Thema von anderer
Seite in Angriff genommen ist.
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