284 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juni 1904,
aber in Hinblick auf den naheliegenden Wunsch, ein wirkliches Beispiel solchen
Zusammenwirkens der ozeanographischen und meteorologischen Faktoren vor-
zuführen, ist die Schwierigkeit, ja nahezu Unmöglichkeit, anzugeben, was im
einzelnen Falle Ursache, was Wirkung ist, d. h., wo der Ausgangspunkt der
primären unperiodischen Abweichungen gelegen und wann er zuerst wirksam
geworden. Da außerdem noch für eine nicht absehbare Zukunft der Versuch
autzlos erscheint, synoptische Karten der Stromversetzungen zu entwerfen,
sofern man solche Karten mit Karten der durchschnittlichen Stromzustände
vergleichen will, da ferner die synoptischen Wetterkarten für das Jahr 1903
erst in etwa 4 Jahren vorliegen werden, und die provisorischen Angaben in den
„Internationalen Dekadenberichten“ für unseren Zweck nicht genügen, so ist es
jetzt nicht möglich, speziell auf das Jahr 1903 eine Anwendung dieser oben
wiedergegebenen Gesichtspunkte zu versuchen.) Es kann nur die Wahr-
scheinlichkeit folgender Zusammenhänge behauptet werden.
In Übereinstimmung mit dem unter I dargestellten Wärmegange hat der
Golfstrom im Frühjahr 1903, nachdem im Vorwinter 1902/03 eine Schwächung
desselben vorgelegen hat, einen sehr energischen Vorstoß nach Osten bis zur
Mitte des Ozeans gemacht unter Vermehrung seines Wärmeinhaltes und
anter Vergrößerung seiner Geschwindigkeit. Dieser Vörstoß hat seinerseits
Veranlassung gegeben zu einer Verstärkung des kalten Labradorstromes. Man
kann darin nach dem Gesetze der Kompensationsbewegungen einen unmittelbar
bedingten, also lediglich ozeanographischen Vorgang sehen, man kann aber auch,
wie dies Meinardus vorsieht, den Umweg und die Kinschaltung der Mitwirkung
der meteorologischen Glieder wählen; das Endergebnis, welches mir ganz
sicher erscheint, wird immer dasselbe sein, daß nämlich in der Tat durch eine
größere Geschwindigkeit des Golfstromes eine größere Geschwindigkeit des
seitlich einfallenden Labradorstromes ausgelöst wird, und zwar wird ein ge-
wisser zeitlicher Spielraum notwendig sein, bis die Intensitätsvermehrung des
Labradorstromes zur allgemeinen Erscheinung wird. Aus dieser Auffassung
folgt weiter, daß die abnorme Eistrift des Jahres 1903 durch eine im Spät-
winter 1902/03 und Frühjahr 1903 eingetretene besonders starke Golfstromtrift,
wenn auch natürlich nicht allein verursacht, so doch sicher sehr begünstigt
worden sein dürfte. Ein starkes Fließen des Golfstromes auf der
amerikanischen Hälfte des Ozeans wird immer nach gewisser Zeit die
Neigung zu vermehrtem Fließen des Labradorstromes und damit in
Jen Monaten, in denen überhaupt Eis treiht, die Wahrscheinlichkeit
für ein weit südliches Vordringen des Neufundlandeises herbeiführen.
Der Labradorstrom seinerseits hat, wenigstens auf der Neufundlandbank
and deren weiterer Umgebung auch über dem tiefen Wasser, die Sachlage
beherrscht vom Mai bis zum August 1903 einschließlich; und von September
ab ist dann der im Sommer zum mindesten thermisch zurückgedrängte Golfstrom
wieder in seine alten Rechte getreten. So weit lassen sich aus großen, all-
yemeinen Schwankungen der Wasserbewegungen die Wärmeverhältnisse des
Jahres 1903 erklären, und es ist sogar notwendig, anzunehmen, daß hierdurch
der Grundton des gesamten Wärmeganges gegeben gewesen ist, auch wenn
es zu Eistriften dabei gar nicht gekommen wäre. Denn der wiederholt
betonte Umstand, daß die negative Wärmeanomalie erst vom Mai ab in der
Neufundland-Gegend eintritt, während das Eis doch schon seit Februar in
yroßen Massen dort lagerte, der Umstand ferner, daß die negative Wärme-
anomalie bis nach Europa herüber schon im Januar vorhanden war, lehrt doch
sofort, daß das Eis als solches nicht die allererste Ursache für die Eigenheiten
der Temperaturen im Jahre 1903 gewesen sein kann. Wir schließen vielmehr,
wie oben ausgeführt ist, in umgekehrter Weise, daß das Eis nicht Ursache,
sondern zunächst nur eine Folge, nur eine Begleiterscheinung der
abnormen Wärmeverhältnisse und der Stromänderungen gewesen ist.
Die Stromänderungen ihrerseits sind zweifellos durch die Windverhältnisse,
letztere wieder durch die Luftdruckverteilung bestimmt gewesen; wie schon oben
1) Wohl aber ist ein solcher Versuch für weiter zurückliegende Jahre wenigstens teilweise
ausführbar; man vergl. die weiter unten auf S. 285 folgenden Ausführungen über die Unterschiede in
Witterung und Eisvorkommen zwischen den Jahren 1881 und 1884.