Schott, G.: .Die große Eistrift bei der Neufundlandbank etc. im Jahre 1903. 283
ozeanographischen und meteorologischen Werte über dem nördlichen Nord-
atlantischen Ozean ‚und ihrer Bedeutung im besondern für das Klima von West-
europa ist ja seit Petterssons erster Abhandlung,*) der sich Arbeiten von
Dickson,“) Meinardus®) u. a. anschlossen, nicht. von der wissenschaftlichen
Tagesordnung verschwunden; die Gedankenfolge, welche dabei in Betracht
kommt, mag, obschon sie Fachmeteorologen geläufig ist, hier unter Benutzung
der klaren Ausführungen von Meinardus (a. a. O., S. 196) angedeutet sein. „Es
ist sehr wahrscheinlich, daß die Geschwindigkeit des Golfstromes, seine Wärme-
führung und Oberflächentemperatur, die relative. Tiefe der barometrischen
Minima, die Stärke und Richtung der vorherrschenden Luftströmungen über ihm
wenigstens in der kalten Jahreszeit auf das engste miteinander verknüpft sind,
und zwar in der Weise, daß diese Elemente eine in sich geschlossene Kette
von Ursachen und Wirkungen darstellen. Denn ein jedes dieser Elemente wird
von dem vor ihm genannten beeinflußt, und das erste ist von dem letzten ab-
hängig. Wird nämlich aus irgend einem Grunde die Geschwindigkeit des Golf-
stroms_ z. B. über das normale Maß vergrößert, so wird die Wärmezufuhr aus
südlichen Breiten vermehrt, es wächst die Temperatur, d. h. es entsteht eine
positive Temperaturabweichung von der normalen. Eine positive Temperatur-
abweichung hat eine Vertiefung des isländischen Luftdruck-Minimums und wahr-
scheinlich auch eine Vertiefung der ganzen Luftdruckfurche, welche sich .über
das Nordmeer erstreckt, zur Folge. Einer abnormen Tiefe des Luftdrucks über
dem Meer entspricht eine höhere Windgeschwindigkeit über dem Golfstrom.
Eine Folge der stärkeren Luftbewegung ist eine Beschleunigung der Meeres-
strömung, zumal wenn die Richtung des Windes, wie es tatsächlich hier der
Fall, mit der Richtung des Golfstroms‘ zusammenfällt. Eine Beschleunigung der
Wasserbewegung aus Süden und Südwesten entspricht aber wieder einer ver-
mehrten Wärmezufuhr, und so fort.
Eine einmal eingeleitete Störung des Gleichgewichtszustandes wird sich
also selbst zu erhalten streben, und es ist möglich, wenn auch sehr schwer
zahlenmäßig zu beweisen, daß wir diesem System sich selbst induzierender
Kräfte die Konstanz des Sinnes der‘ Temperaturabweichung des
Golfstroms mehrere Monate hindurch zuzuschreiben haben. Natürlich
findet dieser Vorgang ein Ende, wenn von außen her Einwirkungen sich geltend
machen, welche jenen Kräften mit Erfolg entgegenarbeiten. Das kann z.B.
üadurch geschehen, daß die Geschwindigkeit der kalten Polarströmungen zu-
nimmt, welche östlich von Neu-Fundland als Labradorstrom und östlich ‚von
Island als Abzweigung der ostgrönländischen Strömung dem Golfstrom in die
Flanken fallen und seine Temperaturverhältnisse beeinflussen.
Eine abnorme Zunahme der Geschwindigkeit des Labradorstromes ist
aber gerade in solchen Wintern wahrscheinlich, wenn auch der Golfstrom und
die Winde über ihm eine größere Geschwindigkeit haben. Denn da die nord-
westlichen Winde, welche an der Küste Labradors wehen, durch eine Vertiefung
des isländischen und westgrönländischen Minimums ebenso verstärkt werden,
wie die südwestlichen Winde vor den Küsten Europas, so wird mit ihnen auch
die Labradorströmung beschleunigt. Es scheint mir nicht ausgeschlossen zu
sein, daß der Labradorstrom in solchen Fällen dem Golfstrom, welchen er
östlich Neufundlands trifft, eine negative Temperaturabweichung gibt, welche
aber erst nach Verlauf eines halben Jahres in den nordwesteuropäischen Meeren
zur Geltung kommen würde. Die Folge davon würde dann das Auslösen eines
entgegengesetzt wirkenden Kreislaufes von. Kräften sein, wie er oben ge-
schildert wurde.“
‚Die hier von Meinardus vorgetragenen Schlußfolgen sind alle einleuchtend
und zwingend, wenn-schon über die relative Bedeutung der einzelnen bestimmenden
Elemente keine bestimmten Angaben gemacht werden können. Viel mißlicher
' 1) Über die Beziehungen zwischen hydrographischen und meteorologischen Phänomenen,
;Meteorol, Zeitschrift“ 1896, S. 285. = u
-2) On the eirculation of the surface waters of the North Atlantic ocean,
London, Royal Society 1901,
3) Das Winterklima in Mittel- und Nordwest-Europa und der Golfstrom, „Zeitschrift der
Gesellschaft für Erdkunde“, 1898, S. 183, besonders S. 192, 193, 195, 196; vgl. „Meteorol. Zeit-
schrift 1898“, S. 85.