Grossmann: Die Windverhältnisse an der deutschen Küste während des 20, bis 26. Nov. 1903. 269
Neufahrwasser bis Schiewenhorst etwa -— 40°, Vogelsang, Kahlberg und
Pfahlbude — 56°, Neukrug und Pillau — 44° und Palmnicken — Brüsterort i. M.
— 81°, — Fassen wir die beiden Ergebnisse zusammen, so folgt für die Tage
mit NW- bezw. mit SW-Winden von Kolbergermünde bis Leba ein Rechtdrehen
der Windfahne um 34° bezw. 33°, weiter bis Rixhöft ein Zurückdrehen um 23°
bezw. 13°, von hier bis zu der Mitte des Südens der Bucht ein Zurückdrehen
um je 29° und weiter bis zum Norden der Ostseite der Bucht wieder ein
Rechtdrehen um 55° bzw. 23°. — Die mittlere Stellung der Windfahne von
Brüsterort entsprach beide Male etwa derjenigen von Rügenwaldermünde, und
zwar bei südwestlichen Winden um 9° südlicher, bei nordwestlichen Winden
aber um 24° nördlicher als die von Rixhöft.
In sehr charakteristischer Weise sehen wir hier, wie oben für die Nord-
see, die bei einzelnen Fällen hervorgehobenen besonderen Anordnungsweisen
der Windrichtungen hervortreten, Verfolgt man die einzelnen Werte von
Station zu Station, so ergeben sich jedoch vereinzelt Widersprüche, die auf zu-
fällige oder systematische Beobachtungsfehler hinweisen. Besitzt der Beobachter
eine Windfahne, so muß das Richtungskreuz genau nach den astronomischen
Himmelsrichtungen . eingestellt sein, und es muß hervorgehoben werden, daß
eine erstmalige richtige Einstellung nicht ausreicht, sondern eine öftere Kon-
trolle erforderlich ist, da eine nachträgliche Verstellung des Richtungskreuzes
durch mehrere Ursachen herbeigeführt werden kann. Besitzt der Beobachter
keine. Windfahne, so treten. nur zu leicht falsche und ungenaue Beobachtungen
ein, so daß es in diesem Falle natürlich der größten Umsicht bedarf, um zu-
verlässige Windrichtungen aufzuzeichnen.
_ Ungleich schwieriger ist die sichere Schätzung der Windstärke. Bildet
man für den vorliegenden Zeitraum Mittelwerte der Windstärken und verfolgt
diese von Ort zu Ort, so wird man im allgemeinen nebeneinander häufig
größere Abweichungen finden, die nicht durch die Lage der Orte allein zu
erklären, sondern auf die Individualität des Beobachters zurückzuführen sind.
Da anderseits die Windstärken für viele Fragen von sehr großer Bedeutung
sind, so erhellt die Notwendigkeit, die Beobachter so auszuwählen, daß sie
nach ihrem Beruf richtige Schätzung der Windstärken möglichst gewährleisten.
Dies ist umsomehr erforderlich, als wir zur Zeit kein Instrument besitzen,
das dazu berufen sein könnte, die Stärkeschätzungen des Beobachters zu er-
setzen; abgesehen von den einer weiteren Verbreitung entgegenstehenden hohen
Kosten, vermag das Registrieranemometer, auch wenn es momentane Wind-
stärken aufzuzeichnen eingerichtet wäre, nicht den Beobachter zu ersetzen, da
jedes derartige Instrument in seinen Angaben von seiner Aufstellung und Um-
gebung abhängig ist und diese nicht vollkommen gleich zu beschaffen sind.
Um die an den verschiedenen Küstenteilen im Mittel während dieser
Tage erreichten Windstärken wenigstens bis zu einem gewissen Grade über-
sehen zu können und auch gleichzeitig ein Urteil über die Güte der Aufzeich-
nungen nach dieser Richtung zu gewinnen, wurden die mittleren Stärken be-
rechnet. Da der Sturm vom 26. nur den äußersten Westen traf, so wurden
ostwärts bis Rügen, um nicht die zu erwartende normale Verteilung an der
Nordsee trüben zu lassen, nur die Tage vom 21. bis 25. herangezogen, während
weiter ostwärts auch der 26., an dem diese Küste bis zum Nachmittag gleich-
mäßig unter dem Einfluß eines Sturmes stand, hinzugenommen wurde. An der
Nordsee ergeben sich als Maxima der mittleren Stärke Borkum Riff 7,5, Nor-
derney 6,7 und Wangeroog 6,1 und es folgen die Inseln Amrum, Wyk und Sylt
mit dem ganzen Gebiet ostwärts bis zur Jade gleichmäßig mit etwa 5,7, dann
von Ems bis Elbe 5,2 und als geringste Stärke Büsum bis Pellworm mit etwa
4,5. Als sehr auffallende Werte sind hier Helgoland mit 5,1, Neuwerk mit 6,7,
Amrum mit 7,1 und Husum mit 6,3 hervorzuheben, Die geringsten Stärken
i. M. hatte wohl die Ostküste Schleswig-Holsteins, die aber wegen des so un-
gleichartigen Verlaufs der Küste sehr verschieden waren, indem sie 2,9 (Flens-
burg) bis 5,1 (Schleimünde) betrugen; Marienleuchte mit nur 3,1 erscheint zu
niedrig. Mecklenburg ergab etwa 5,2, Barhöft und Stralsund 5,8 und die expo-
nierteren Stationen Darsserort bis Wittower Posthaus ji. M. 6,6... Arkona mit
nur 5,3 hat einen auffallend niedrigen Wert, der aber vielleicht eine ähnliche
Erklärung wie Helgoland zulassen dürfte; noch geringere Windstärke, 3,7, weist