Aunalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Januar 1904.
Das Scholleneis entsteht nicht bloß durch Gefrieren des Meerwassers,
sondern zum größeren Teile aus Schneeschichten, die sich auf Jungeis ablagern,
und die auch fernerhin in der ganzen Struktur der Schollen erkennbar bleiben.
Wie die um die Winterstation gebauten Beobachtungshütten rasch mit den
schneebelasteten Schollen in die Tiefe sanken, ist bereits erwähnt worden.
Daher die erstaunliche Dicke dieses antarktischen Scholleneises, das 5, 7, ja an
13 m messen kann, wie in den Schneewehen an der Leeseite des „Gauß“. Das
Scholleneis schmilzt auch nicht am Orte seiner Bildung, dafür reicht die Wärme
eines antarktischen Sommers, wie wir sahen, nicht aus. Es fehlt also dem süd-
polaren Küstenrande hier das sommerlich offene Landwasser, worin die Nord-
polarfahrer an den Gestaden Grönlands oder des Parry-Archipels so weit hin vor-
dringen konnten. Die antarktischen Schollen müssen abbrechen und im Sommer
nach Norden wegtriften, um im wärmeren Wasser abzuschmelzen, wobei dann
die Dünung mächtig nachhilft. Man kann dieses Merkmal der Antarktis nicht
stark genug betonen, wenn man Erfolge dortiger Eisfahrten mit solchen im
Nordpolargebiete vergleichen will: man muß für den hohen Süden, wie bereits
bemerkt, bescheidener sein in den Erwartungen. Nur die durch hohe Dünung
aufgelockerte, schmale Außenzone des Eisgürtels ist leichter durchfahrbar; weiter
südlich schließen sich die Schollen rasch dichter aneinander und gebieten als-
bald in Gestalt undurchdringlichen Packeises dem Polarschiff hait, wofern nicht
starke südliche Winde das Eis einmal nordwärts auseinander drängen und Gassen
bis ans Inlandeis für kurze Frist öffnen. Aber ebenso rasch kann der nach Ost
und Nordwest umgehende Wind alle Lücken wieder schließen und das Schiff
besetzen. Dies gilt namentlich für die ganze Nordküste von Wilkes- und
Kaiser Wilhelms-Land. Wo anderwärts die Festlandküste weiter nach Süd
zurückweicht, dürfte auch eine wesentliche Verbreiterung der noch schiffbaren
Außenzone des Treibeises anzunehmen sein, wie das beim Victoria-Land denn
auch erwiesen und vielleicht westlich von Enderby-Land ebenso der Fall ist. —
Spuren von Pressungen sind an den Rändern der Schollen häufig bemerkt
worden; aber jene schweren Eispressungen und -Schraubungen, wie sie Nansen
vom zentralen Nordpolarbecken beschrieben hat, sind in diesen weithin nach
Nord offen liegenden Meeresräumen nicht zu erwarten; vielleicht kommen sie
unmittelbar an der Inlandeiskante häufiger vor.
Die Eisberge zeigen in ihrer ursprünglichen Gestalt die typische Tafel-
form, wie sie seit den Abbildungen der „Challenger“- und „Valdivia“-Expedition
auch in weiteren Kreisen populär geworden sein dürfte. Aus diesen Kistafeln
and -Würfeln entwickelt sich nun eine, von E. v, Drygalski zuerst deutlich
erkannte, abgeleitete Gestalt, die „Blaueisform“, ein durch seitliche Abschmelzung,
Verdunstung, Wälzen im wärmeren Meere, namentlich aber durch Abschleifung
und Zurundung der Oberflächen in den Schneestürmen entstandenes Derivat der
regelmäßigeren Grundform. Die Abkunft der regulär wagerecht geschichteten
Tafelberge vom Saume des Inlandeises war überall unzweifelhalt; nicht nur die
bei beiden gleiche Höhe von 30 bis 40 m über dem Meeresspiegel erweist dies,
sondern in vielen Fällen war die Abstoßung des Tafelbergs vom mütterlichen
Inlandeise erst teilweise vollzogen, teilweise fanden sich noch Brücken; hier-
aus darf auch auf eine verhältnismäßig sehr langsame Bewegung des Inlandeises
geschlossen werden; die Berechnung der durch fünf Monate beim Gaußberg aus-
geführten Messungen steht noch aus. Gewälzte oder ganz gekenterte Kisberge
zeigen an der vormals unteren Seite mächtige Schutteinschlüsse, die die vorher
nalen geschiebereichen blauen Ton- und Schlicklager am Meeresgrunde
jefern. —
Sehr wertvoll versprechen ferner für unsere Kenntnisse vom irdischen
Flutphänomen die auf der Winterstation regelmäßig ausgeführten Pegel-
ablesungen zu werden: es ist das erste Mal, daß Gezeiten über einer Meerestiefe
von 380 m in 40 Sm. Abstand von der Festlandsküste gemessen worden sind.
Kapt. Ruser gibt eine ausführliche Beschreibung der ebenso einfachen wie
zweckmäßigen Vorrichtung, die man am Bug des Schiffes über einer breiten,
stetig frei gehaltenen Öffnung im Eise angebracht hatte. -
Einige wichtige Beiträge hat endlich die Expedition zu unserer Kenntnis
der Meeresströmungen geliefert. Aus den Triften des Eises, wie des be-
setzten Schiffes, von denen bereits die Rede war, ist als gesichert zu entnehmen,