Grossmann: Die Windverhältnisse an der deutschen Küste während des 20, bis 26. Nov. 1903. 261
Wenden wir uns nun den Windverhältnissen zu, wie wir sie auf den
Windkarten vorfinden, und sehen wir zunächst dabei von den Winden der
preußischen Küste ab, die wir bereits besprochen haben, so bemerken wir, daß
die Winde über Nacht zum 21. ostwärts bis Rügen meist etwas schwächer geworden
sind, während die Winde an der pommerschen Küste unter etwas Rechtdrehen
zugenommen haben und hier mit Stärke 4 aus WSW wehen. An der Nordsee
wehen mäßige bis frische, nur vereinzelt starke Winde aus den gleichen
Richtungen wie am Abend, also nordwestlich auf den nach See vorgeschobenen
Stationen, sonst westsüdwestlich; die Ostküste Schleswigs hat leichte veränder-
liche und die mecklenburgische Küste mäßige westsüdwestliche Winde; über Rügen
und Umgebung wehen die Winde mäßig bis stark und sind von Darsserort bis
Arkona und Sassnitz westlich bis nordwestlich geworden.
Im Laufe des Vormittags drehten die Winde über dem Süden der Nord-
see alle zurück, etwa gegen 10h bei Borkum und gegen Mittag über den
nordfriesischen Inseln, doch nur auf kurze Zeit, da bald wieder ein plötzliches
Rechtdrehen eintrat; in Kloster Vitte auf Hiddensee wurde um 12 20=in der
Einfluß des herannahenden Minimums durch Zurückdrehen und Abflauen des
Windes bemerkt. Über dieses Herumgehen des Windes liegen folgende ge-
nauere Beobachtungen vor: Borkum Riff 10* aus SW auffrischend, um 12h
NW 9, Brunsbüttelkoog um 1%4* in schwerer Böe Wind auf NW, Glückstadt
um 1'/ah auf W drehend und stürmisch werdend, Süderhöft kurz vor 1% aus
WNW von Stärke 3 auf 8 zunehmend, Ellenbogen gegen 10%4* von WNW auf
N gegen 11%4* auf S, gegen 12!/4*. auf SSO und gegen 12%4* auf NW auf-
rischend.
Die Windkarte von 2* N zeigt an fast allen Stationen der Nordsee
stürmische Winde von der Stärke 8 und vielfach 9 aus WNW bis NW und nur
vereinzelt mehr westliche Richtungen. An der Ostküste Holsteins treffen wir
um diese Zeit NW 6 nur in Flensburg, in Apenrade W 2, Aarösund S 4,
sonst an der Ostseeküste ostwärts bis Rügen meist frische WSW- und an der
pommerschen Küste frische SW-Winde; die Winde über Rügen und Pommern
sind etwa 2 Strich zurückgedreht.
Während die Winde an der Nordsee aus westnordwestlichen Richtungen
bereits stürmisch wehten, war das Barometer noch durchweg im Fallen. In
den Böen erreichte die Stärke des Sturmes vielfach 10 und erhielt sich etwa
in dieser Stärke bis gegen 5!/a* abends, Als zu dieser Zeit das Barometer in
Borkum und Keitum im Steigen war und auch in Wilhelmshaven Steigen ein-
trat, erfuhr der Sturm in kurzer Zeit eine außerordentliche Zunahme an Stärke,
über die viele Beobachtungen vorliegen; Norddeich hatte um 5'/2" NNO mit
Hagel und Blitzen, Schillighörn von 5% bis .6* 10m eine NW-Böe mit Regen
and Hagel von der Stärke 10/11, Cuxhaven um 5% NW 10/11, Glückstadt
um 51/2" eine schwere Hagelböe Stärke 9, Süderhöft um 6b ein plötzliches
Umspringen des Windes auf NO in der Stärke 11, Tönning um 6" plötzlich
NW 10/11 mit Gewitter.
Ein Bild der höchsten Entwicklung des Sturmes, was die Stärke der Winde
anbetrifft, gewährt die für 6* abends entworfene Windkarte, die uns an den
Sturmwarnungsstellen der Nordseeküste fast überall Sturm aus NW bis NNW
von der Stärke 9 bis 11 vorführt; Hagelböen vielfach mit Gewittererschei-
nungen begleiteten das Unwetter. Von der Stärke des Sturmes, der in den
Böen stellenweise bis auf NNO drehte, haben zahlreiche Schiffsunfälle Kunde
zegeben; es sei hier nur berichtet, daß etwa um diese gleiche Zeit der auf
Wangeroog neu errichtete Mast der Sturmwarnungsstelle, in Cuxhaven der
Windsemaphormast und in Hamburg der Signalmast auf dem Dache der See-
warte, der jahrelang allen Stürmen getrotzt hatte, von dem Sturm um-
gebrochen worden sind.
Um 6* finden wir an der Ostsee in Aarösund (seit 4!/ah) starken Nord-
ost, im übrigen aber starke NW—W-Winde von Apenrade bis Wismar, und
weiter ostwärts über Rügen und dem mittleren Teil der pommerschen Küste
leichte veränderliche, an den südlicheren Orten aber von Warnemünde bis zur
pommerschen Bucht starke südwestliche Winde.
Über das Vordringen der Winde aus nördlichen Richtungen auf der
Rückseite des Minimums nach Osten hin liegen die folgenden Beobachtungen