Ann. d. Hydr. ete., XXXII. Jahrg. (1904), Heft VI.
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Die Windverhältnisse an der deutschen Küste während des
20. bis 26. Novembers 1903.
Von Dr. Grossmann, Hamburg.
(Hierzu Tafel 15.)
Die Tage vom 20, bis 26. November 1903 waren an der deutschen Küste
in hohem Grade durch anhaltend unruhiges Wetter ausgezeichnet und führten
vielfach stürmische Winde von großer Ausdehnung sowie teilweise schwere
Stürme herbei; die Darstellung der Windverhältnisse, unter Darlegung der
Luftdruckverteilung dieser Tage erscheint daher an dieser Stelle in hohem
Grade gerechtfertigt.
Zur Ergänzung des auf der Deutschen Seewarte einlaufenden wetter-
telegraphischen Materials, das sich in den gedruckten Wetterberichten der Deutschen
Seewarte findet, wurden einerseits die übrigen gedruckten Wetterberichte der
europäischen Staaten benutzt und anderseits die handschriftliche Mitteilung
von Beobachtungen von dem Kgl. Preuß. Meteor. Institut, sowie von Schweden,
Norwegen und Dänemark erbeten, so daß die hier beigefügten Luftdruckkarten
auf einem bedeutend erweiterten Beobachtungsmaterial aufgebaut sind.
Um den Verlauf der Erscheinungen längs der Küste ständig verfolgen
zu können, wurden die Registrierungen der Barographen und Anemographen
an den Normalbeobachtungsstationen der Deutschen Seewarte herangezogen,
und über die Windverhältnisse gaben des weiteren die Beobachtungen an
84 Sturmwarnungsstellen in ergiebigster Weise Auskunft. Diese zur Verfügung
stehende große Zahl von Tagebüchern der Sturmwarnungsstellen findet darin
ihre Erklärung, daß bei weitem die größte Zahl der Provinzialsturmwarnungsstellen
jetzt allmonatlich ihre Tagebücher an die Deutsche Seewarte in Abschrift über-
mitteln. Da zur Zeit unruhiger Witterung und besonders während des Hängens
der Sturmsignale häufige Beobachtungen über Wind und Wetter vorgeschrieben
sind, so liefern diese Tagebücher in solchen Tagen eine reiche Ausbeute an
guten Beobachtungen.
Es verdient an dieser Stelle ausdrücklich auf den hervorragenden Wert
dieser in den Tagebüchern der Sturmwarnungsstellen aufgespeicherten Beob-
achtungen über Wind und Wetter aufmerksam gemacht zu werden, da sie ein
vorzügliches Material zu vielen Untersuchungen darstellen. Dieses zeigte sich
in hohem Grade, als für die vorliegende Aufgabe die am Morgen, Nachmittag
und Abend beobachteten Winde nach Richtung und Stärke für die Tage vom
20. bis 27. in Karten eingetragen wurden. ‚Jedenfalls bietet sich hier die
Möglichkeit eines Detailstudiums des Einflusses des Verlaufs der Küste und
damit des Charakters der Stürme über den verschiedenen Teilen der Küste in
einer Weise, wie sie sonst wohl nicht möglich ist. Treten wohl auch hier und
da kleine Ungenauigkeiten der Beobachtungen hervor, so liegen doch die Beob-
achtungen so dicht nebeneinander, daß es im allgemeinen nicht schwer fällt,
das Mangelhafte auszumerzen. In sehr überzeugender Weise offenbart sich hier
die Richtigkeit der von der Deutschen Seewarte erhobenen Forderung, daß auf
allen Sturmwarnungsstellen der Provinzialregierungen und den sonstigen der
Seewarte nicht untergeordneten Stellen die Beobachtungen genau nach der für die
Sturmwarnungsstellen der Deutschen Seewarte herausgegebenen Dienstanweisung
ausgeführt werden sollen, eine Forderung, die ganz besonders im Interesse
der Förderung des Sturmwarnungswesens erhoben werden muß, da nur auf
solche Weise ein sicheres Urteil gewonnen werden kann, ob und in welchem
Umfange stürmische Witterung im Gefolge der erlassenen Warnungen ein-
getreten ist. ;
Die Gesamtwetterlage während der zu behandelnden Tage hot in ihren
großen Zügen das gleiche Bild. Nachdem am 16. bis 18. des Monats eine um-
fangreiche Depression zwischen Hochdruckgebieten im Westen und Osten fast
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