Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Januar 1904.
Das auf dem Wege von Kerguelen her wieder fühlbar gewordene Leck wurde
Anfang Mai 1902 aufgefunden und nach Entlastung des Achterschiffs ohne große
Mühe abgedichtet, so daß die Dampfpumpen, die bis dahin dreimal täglich je
eine Stunde in Betrieb waren, fortan Ruhe hatten und der Kohlenvorrat geschont
werden konnte. Die Schneeanhäufungen auf der St-B-Seite des Schiffs waren
sehr bedeutend, und sobald „Gauß“ sich zu stark überzuneigen anfing, mußte
der Schnee abgegraben werden.
In der Zeit von Ende Februar bis Mitte Mai, sowie von September bis
November 1902 wurden mehrere Schlittenreisen ausgeführt, bei denen sich die
mitgebrachten ostsibirischen Hunde vortrefflich bewährten. Die erste nach
Süden gerichtete Reise führte zur Entdeckung des kleinen Gaußberges, eines
366 m hohen erloschenen Vulkans am Rande des Inlandeises (66“48' S-Br.,
89° 30’ O-Lg.), an dessen Fuß auf einer zweiten Reise eine Beobachtungshütte
mit Registrierinstrumenten errichtet wurde. Vom Gipfel des fast schneefreien
Berges hatten die Entdecker eine fesselnde Umschau über den Rand des Inland-
eises, die von zahllosen tafelförmigen Eisbergen und festgefügten Schollen
erfüllte Posadowsky-Bucht im Norden davor und über die in großen zackigen
Zügen höher und höher ansteigenden Buckel und Wellen des Inlandeises im
Süden. Auf den Felstrümmern vegetierten Moose und Flechten, die sichtlich
anter Trockenheit, Sturm und Staub litten; eine gelbgrüne, an Sphaerella er-
innernde Alge wurde unter dünner Eisschicht auf einer mumifizierten Robbe
gefunden; aber damit war auch das antarktische Herbarium vollständig. —
Andere Schlittenreisen dienten zur Untersuchung des im Westen der Station
befindlichen, anscheinend eine seichte Bank und weiterhin vielleicht auch flaches
Land bedeckenden Eises (das „Westeis“ der Karte), an dessen Rand sehr viele
Lotungen ausgeführt wurden. — Am 29. März 1902 wurde bei sehr günstiger
Witterung auch der Fesselballon benutzt und drei Aufstiege (bis zu 500 m)
gemacht, wobei weit und breit nur Schnee und Eis zu sehen war und nur der
Gaußberg im Süden die weiße Fläche unterbrach. Das hohe Land im fernen
Osten wurde deutlich bemerkt.
Um im Sommer 1903 aus dem KEise freizukommen, wurden zwei Maß-
regeln ergriffen, von denen die zweite Erfolg hatte. Kissprengungen und Ab-
sägen des Eises um das Schiff, wobei schließlich 400 cbm Eis weggeräumt
wurden, halfen nur dazu, den Bug des Schiffes günstiger gegen die lästigen
Oststürme zu legen. Um so wirksamer erwies sich das auf einer Polarreise hier
zum ersten Male angewandte Verfahren, eine Schuttstrasse auf dem Packeise
bis zur nächsten Spalte in einer Länge von 2000 m mit 10 bis 12 m Breite an-
zulegen: die starke Wärmeabsorption aller dunkeln Körper wird hier benutzt,
uam das darunter liegende Eis aufzutauen, und in der Lichtfülle des antarktischen
Sommers gelang das Experiment in überraschender Weise. Die Scholle, in
deren Mitte „Gauß“ eingefroren lag, brach entlang der zur hohlen Gasse aus-
geschmolzenen Schuttstraße und gab das Schiff am 8. Februar 1903 frei. Man
wird der britischen Expedition, die am Fuße des Erebus-Berges festliegt, dies
bewährte Rezept kaum noch so rechtzeitig überbringen können, daß die
Fesseln auch der „Discovery“ damit gelöst werden.
Aus ihrem Eislager freigekommen, wandte sich die Expedition westwärts,
um womöglich wieder Fühlung mit sich etwa nach Westen fortsetzendem antark-
tischem Lande zu erlangen. Das Schiff mußte in mühsamer Arbeit Schritt für
Schritt seinen engen Pfad durch das in der vorgerückten Jahreszeit schon
schwere Packeis erzwingen, wurde aber doch Anfang März nach Norden heraus-
gedrängt und gleich darauf zum zweiten Male vom Eise besetzt. Mit dem Eise
zusammen trieb „Gauß“ eine Woche lang erst nach Norden, dann wieder nach
Westen. Am 14. März wieder freigekommen, lief die Expedition im Bogen um
das schwerere Packeis nach Nordwest, West und Südwest herum und drang,
als sich offenere Flächen darboten, alsbald nach Süd vor. Auch dieser Vorstoß
endigte mit einer Besetzung des Schiffes vom 26. März bis 1. April (in 65° 18‘
S-Br, 80° 35‘ O-Lg.), wobei die nur noch schwachen Triften erst nach Süd,
dann nach Nord gingen und das Schiff seine erste und einzige Eispressung aus-
zuhalten hatte, die leicht überstanden wurde. Ein vierter Versuch, weiter westlich
zu einer zweiten Überwinterung im Eise zu schreiten, mißlang, da man in der
Zeit vom 1. bis 8. April kein gesichertes Lager für das Schiff finden konnte,
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