Krümmel, O.: Die Fahrt der deutschen Südpolar-Expedition von Kerguelen ete,
der letzte verzeichnet wurde. Das Scholleneis wurde am 13. Februar 1902 in
61° 58‘ S-Br. erreicht; es war braun‘ gefärbt von eingefrorenen Diatomeen,
„Gauß“ bewegte sich nun am 14. Februar über den Kurs der „Challenger“-
Expedition (vgl. die beigegebene Karte, 26, Februar 1874) hinweg und kam
alsbald in schweres Packeis. Der Anschluß an den westlichsten Punkt der
amerikanischen Expedition unter Charles Wilkes wurde hiermit vollzogen.
Wilkes hatte an Bord der „Vincennes“ am 17. Februar 1840 in 64° 01‘ S-Br.
und 97° 37‘ O-Lg. seinen westlichsten Punkt erreicht!) und dabei Anzeichen von
Land nach SW gesehen und den Eindruck gewonnen, daß sich dieses Land
nach N hin erstreckte. Aber weder die „Challenger“-Expedition noch unsere
deutschen Forscher haben trotz hellen Wetters etwas davon gesehen, und auch
aus den großen hier geloteten Meerestiefen, wie die Karte sie zeigt, ist es
mehr als unwahrscheinlich geworden, daß Termination-Land existiert, vielmehr
nun gewiß, daß Wilkes einer Täuschung durch besonders lange Eisbergtafeln
ausgesetzt gewesen ist. Das schwerere Packeis nötigte „Gauß“ zum Ausweichen
nach West, und erst am 18. Februar in 91'2° O-Lg. war ein weiteres Vor-
dringen nach Süd möglich. Dabei wurde am Vormittag des 19. Februar un-
vermutet die geringe Tiefe von 241 m gelotet, so daß der Sockel eines nahen
antarktischen Festlands erreicht schien. Durch verhältnismäßig eisarmes Meer
gelang es, mit Kurs nach SO über 66° S-Br. vorzudringen, und am Morgen des
21. kam in der Tat Land in Sicht. Ganz unter Eis und Schnee begraben erhob
es sich nach NO hin zu beträchtlichen Höhen, nahebei hatte man den Steilrand
des von ihm herunterdrängenden Inlandeises. Vier Kilometer vom Abfall ent-
fernt wurde eine Tiefe von 401m gelotet. Kaiser Wilhelms 1I.-Land liegt
mindestens 150 Sm von Wilkes westlichstem Punkte, ist also nicht etwa mit
des letzteren Termination-Land identisch. Wohl aber wäre ein Zusammenhang
mit dem bei 104° O-Lg. liegenden Knox-Land möglich. Die deutsche Expedition
berührte hier in 92° O-Lg. den Südpolarkreis und erreichte damit zu Schiff
ihren südlichsten Punkt überhaupt.
Der Versuch, den Bruchrand des Inlandeises nach W weiter zu verfolgen,
wurde durch vorgelagertes Packeis, mit langhin gestreckten Eisbergen darin,
verhindert. Als „Gauß“ zunächst Kurs nach NW nahm, geriet man in einen
Oststurm und wurde am 22. Februar früh vom Eise besetzt. An derselben
Stelle (66° 02’ S-Br., 89° 48’ O-Lg.) ist dann das Schiff eingefroren und die
Expedition fast ein volles Jahr (bis 8. Februar 1903) in ihrer Winterstation
geblieben.
Die Überwinterung vollzog sich unter verhältnismäßig günstigen äußeren
Umständen. Das Schiff lag zwar mit dem Bug nach SzO, also den hier vor-
herrschenden Oststürmen mit der Breitseite ausgesetzt, in 385 m tiefem Wasser,
und östlich nur 3‘ Sm entfernt wurden den ganzen Winter hindurch größere
Waken gesehen; aber im Westen befand sich in ebenfalls nur 3 Sm Abstand
eine Bank von nur 120 m Tiefe, wo viele Eisberge gestrandet lagen und gegen
die das Packeis durch die vorherrschenden Winde fest angedrückt wurde. Dies
bewirkte, daß sich die Schollen im Winter so verfestigten, daß auf dem Kise
beim Schiff alle Beobachtungen fast ebensogut wie auf dem Land ausgeführt
werden konnten. Die als Decklast mitgeführten Beobachtungshütten wurden
dann auch auf dem Eise aufgestellt und die Instrumente in Gang gesetzt. Fort-
schreitende Belastung durch Schnee brachte allerdings einzelne Teile der Schollen
zum Absinken, so daß das magnetische Observatorium schließlich in einen benach-
barten Eisberg eingebaut wurde; auch störte der Schneestaub die Registrier-
insirumente So, daß der Leiter der Expedition schon mit Mai 1902 stündlichen
Beobachtungsdienst einrichtete. Die in der Umgebung scharenweise vorhandenen
Pioguine und die selteneren Robben lieferten teils Nahrung für die Küche und
Futter für die Hunde, teils auch Brennmaterial für Lampen und sogar für
Kesselfeuer; die Robbenfelle dienten auch zur Kleidung. Kispressungen erlitt
„Gauß“ auf seiner Winterstation nicht; ein Heizen der Kabinen war nicht nötig.
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1) Unsere Karte, Taf. 1, ist auf Grund der Karte 23 des amtlichen Werks der „Challenger“-
Expedition, Summary, Vol. I, p. 502 entworfen; dort ist Wilkes westlichster Punkt aber nicht
richtig angegeben. Vergl. Wilkes Narrative of the U. S. Expl. Exp. Philadelphia 1845, Vol. IT,
p. 327 (der Oktavausgabe). :