Wendt, E.: Meeresströmungen -im Golf. von Guinea.
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Über die durchschnittliche Lage des‘ Benguelastromes und der im Golf
herrschenden Strömungen überhaupt werden uns, so dürfen wir erwarten, am
besten die beiden Stromkarten Aufschluß geben, durch welche die Wissenschaft
in neuester Zeit bereichert worden ist. Die eine derselben rührt von Herrn
Dr. Schott her, der sie dem von ihm bearbeiteten 1. Bande des „Valdivia“-
Werkes!) beigefügt hat, leider aber ohne Angabe des zu ihrem Entwurf be-
nutzten Materials. Die andere verdanken wir Herrn Prof. Krümmel, sie ist
in dem von der Deutschen Seewarte in 2. Auflage herausgegebenen „Atlas des
Atlantischen Ozeans“ enthalten und hat das gesammelte Beobachtungsmaterial
der Deutschen Seewarte zur Grundlage. - Auf beiden Karten findet man - Dar-
stellungen der Strömungen. im äquatorialen Teile des Atlantischen Ozeans, eine
für den Nordwinter und eine für den Nordsommer. - Nach der Schottschen
Karte, die in der Lambertschen flächentreuen Projektion entworfen ist, sendet
der Benguelastrom sogar schon bei Kap Frio entsprechend seinem früheren
Verlauf an der südwestafrikanischen Küste und durch die Rotation der Erde
nach links abgelenkt, seine Hauptwassermassen in nordwestlicher Richtung in
den Ozean. Im Nordsommer setzt die Benguelaströmung auch weiter nordwärts
ablandig, im nördlichen Winter aber gehen einige Ausläufer in nördliche Richtung,
zum Teil auf die Köste zu. Nachdem die nördlichen Teile der Benguelaströmung
ihr Wasser. an der Tropensonne erwärmt und den Aquator überschritten haben,
biegen sie nach Ost um, während des Nordwinters in schwächerem, während
des Nordsommers in stärkerem Maße, und folgen dem Guineastrom, der die
Bucht von Biafra bis zur östlichen Küste hin durchsetzt. Die Krümmelsche
Darstellung unterscheidet sich von der Schottschen in mehrfacher Beziehung.
Der Benguelastrom setzt stets als kalter Strom bis nach Loanda hinauf von der
Küste fort in NNW bis NWlicher Richtung in den Ozean hinein; der warme
Guineastrom hingegen biegt in der Bucht von Biafra nach S und’ zum größten
Teil weiter nach SW und W in die Richtung der Benguelaströmung um und
entsendet einen ganz schmalen, im Nordsommer etwas breiteren Arm längs der
afrikanischen Küste nach S bis nach etwa 3° S-Br. hin.
Es ist schwer, aus diesen sich zum Teil widersprechenden Darstellungen
das Richtige auszuwählen.?) Eine bestimmte Entscheidung ließe sich nur treffen,
wenn man Einsicht in das gesamte Beobachtungsmaterial nehmen könnte, . das
beiden Forschern zur Verfügung stand. Reichte doch selbst dieses noch nicht
aus, um eine eindeutige Darstellung zu ermöglichen. Hier mußte die theoretische
Auffassung zu Hilfe kommen.
Wie schon erwähnt, ist der Guineastrom an seinem Ursprunge ein Kom-
pensationsstrom; als solcher würde seine Aufgabe, so fasse ich die Sache auf,
nur wenig östlich von Kap Palmas erledigt sein, wenn nicht dort infolge der
Einengung durch das Festland seine Geschwindigkeit vermehrt würde, Diese
Einengung und die im Nordsommer wehenden W- und SW-Winde sind die
Ursache, daß er seine Wassermassen noch weiter östlich entsendet. Es ist nun
bloß zweifelhaft, welchen Grad von Einfluß man den einzelnen Faktoren zu-
schreiben soll. Hier könnte nur die Erfahrung entscheiden, und man müßte
also noch eine größere Ansammlung von Beobachtungsmaterial abwarten. Für
Herrn Schott wird der Guineastrom in seinem weiteren östlichen Verlaufe zu
einem Triftstrom, der seine Wassermassen nach Osten bis zur entgegenstehenden
Küste wälzt. Für seine Auffassung sprechen zunächst die von der Deutschen
Seewarte herausgegebenen Monatskarten, welche in der fraglichen Gegend
vorwiegend östliche bis nördliche Strömungen zeigen. Wo bleibt nun aber das
in der Bucht von Biafra aufgestaute Wasser? Auf diese Frage gibt Herr Schott
im „Valdivia“-Werk, S. 172 ff., Antwort. Es sinkt, so sagt er, wenigstens zum
Teil in.die Tiefe,. Er sucht den Nachweis für seine Behauptung in dem
Umstande, daß sich die Flächen gleicher Temperatur nach der Küste zu senken.
Diese Senkung ist in dem von ihm entworfenen Querproßl V (Tafel XXX im Atlas),
1) Wissenschaftliche Ergebnisse der deutschen Tiefsee-Expedition auf dem Dampfer „Valdivia“
1898/99, Bd. I: Ozeanographische und maritime Meteorologie. Bearbeitet von Dr. G. Schott,
2?) Die im Jahre 1898 im Auftrage der Deutschen Seewarte von Herrn Dr. Schott ent-
worfene Wandkarte weist gegen die von demselben Autor im „Valdivia“-Werk veröffentlichte Karte
einige Unterschiede auf, Das Aufprallen des Guineastromes auf die Küste kommt hier nicht ganz
so kraß zur Darstellung.