Wegemann, G.: Einfluß des Windes und Luftdrucks auf die Gezeiten. 207
Den Tatsachen besser zu entsprechen scheinen die Untersuchungen von Engelen-
burg (Horn: „Ann. d. Hydr. ete.“, 1891, S. 498), welcher berechnete, daß
bei einer Luftdruckzunahme von 1 mm die Halbtide — das von der täglichen
and halbmonatlichen Ungleichheit befreite Tagesmittel — bei Landwind um
0,6 em, bei Seewind um 0,8 cm fällt.. Diese scheinbar kleinen Beträge können
bei extremen Barometerständen doch von einiger Bedeutung werden. Besonders
beachtenswert sind plötzliche starke Luftdruckveränderungen, wie sie bei Ge-
wittern beobachtet werden, weil sie der Anlaß zu eigenartigen Wellen von
großer Amplitude und kurzer Periode sind, durch welche die Form der Flut-
welle wohl stark verändert werden kann. Von wesentlichem Einfiuß werden
auch die starken Windstöße sein, die diese Erscheinung begleiten. (Horn:
„Ann. d. Hydr. etec.“, 1891. S. 498.) Trotzdem ‚ist der Einfluß des Luftdrucks
auf die Amplitude gering, dagegen wird die Höhe des Mittelwassers durch den-
selben verändert. Viel schwerer als die Feststellung der Wirkung des örtlichen
Luftdrucks wird die Berechnung des Einflusses des ganzen Luftdrucksystems
über dem betreffenden Meeresteil sein. Die sehr tiefen Minima z. B. schreiten
mit einer derartigen Geschwindigkeit fort, daß der Meeresteil in keinem Augen-
blick die dem Luftdrucksystem entsprechende ruhende Oberfläche annimmt.
Was endlich die Niveauveränderungen infolge von Dichteunterschieden
angeht, so ist ihre Feststellung noch erheblich schwieriger als die der eben
behandelten komplizierten Wind- und Luftdruckverhältnisse. Auch hier sind
wieder die örtlichen Ursachen — Aussüßung durch Regen oder Erhöhung des Salz-
gehalts durch Verdunstung sowie die Einflüsse verschiedener Erwärmung — von den
Fernewirkungen -— Zufluß von, Süß- oder Salzwasser durch Flüsse oder Meeres-
ströme — zu unterscheiden. Über die Beziehungen von Dichte des Meerwassers
und der Veränderung der Meeresoberfläche liegen ebenfalls von Mohn Be-
rechnungen vor (Mohn: A.a. O. und Engelhardt: „Archiv der Seewarte“, 1899),
doch sind dieselben auf die flachen Küsten nicht ohne weiteres anwendbar.
Der Einfluß der Dichteveränderungen auf die Zeit der Tiden wird noch geringer
sein als auf die Höhe.
Alle im vorstebenden berührten Einflüsse ließen sich wohl für . einen
bestimmten Ort durch eine einfache Korrektionsformel nach der Art der Orttschen
angenähert zum Ausdruck bringen. Schwerlich wird sich aber eine allgemein
gültige Formel finden lassen, die selbst nur für zwei benachbarte Küstenorte
anwendbar wäre, es sei denn, daß man auf Genauigkeit verzichtet und sich
schon mit einer rohen Annäherung begnügt. Denn die Wirksamkeit der ge-
nannten Faktoren wird in letzter Linie von den örtlichen Verhältnissen —
Tiefe, Form und Lage der Küstenlinie und Gestalt des Meeresgebiets — am
stärksten abhängig sein. Im flachen Wasser werden dieselben Ursachen ganz
anders in Wirksamkeit treten wie im tiefen, in engen Buchten anders wie an den
offenen ozeanischen Küsten, im Bereich geschlossener Meeresgebiete anders wie
in Randmeeren oder. im Weltmeer. Im ersteren liegt zunächst noch der Schwer-
punkt der ganzen. Untersuchung, da die Abweichungen von den berechneten
Flutgrößen nur für flaches Wasser von praktischer Bedeutung sind. Für dieses
gelten die Orttschen Formeln nicht, wie er ausdrücklich bemerkt; daher. ihre
allgemeine Anwendbarkeit nicht zweckentsprechend sein wird. Vielleicht läßt sich
ihre Brauchbarkeit für andere holländische Küstenplätze als Hoek van Holland
and Ymuiden dartun, indem sie Minimalwerte liefern, die dem Schiffer oft von
Nutzen sein können. . Für das Rheindelta und besonders die Zuider Zee werden
sie schwerlich Gültigkeit besitzen. Gerade hier könnten sie aber für die Schiff-
fahrt von. Wert sein. Ihre Unbrauchbarkeit in diesen Gebieten ist, abgesehen
von der Tiefe, besonders durch die Form der Küstenlinie bedingt. Man wird
selbst für die niederländischen Küsten mehrere Formeln benötigen, mindestens
eine für die friesischen Inseln, eine für die Zuider Zee, eine für die geschlossene
Küste und eine für das Rheindelta. Vielleicht noch mehr. Unter diesen Um-
ständen wird es bei dem augenblicklichen Stande der Frage vielleicht zweck-
mäßiger sein, auf die Aufstellung einer allgemeinen Formel zu verzichten.
Es wird sich vielmehr empfehlen, zunächst nur die Orte ins Auge zu fassen,
für welche die Vorausbestimmung der Abweichung zwischen den beobachteten
und berechneten Flutgrößen von praktischer Bedeutung ist. Man wird auf dem
von Ortt vorgezeichneten Weg für diese Örtlichkeiten Formeln abzuleiten