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Volltext: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 32 (1904)

Wegemann; G;;: Einfluß des Windes und Luftdrucks auf die Gezeiten. 205 
Verschiedenheit zwischen beobachteten und berechneten Gezeitenwerten werden 
nur der lokale Wind, welcher sechs Stunden vor der in Frage kommenden 
Gezeit wehte, und der Luftdruck angenommen. Die Mitwirkung anderer. Fak- 
toren wird dabei keineswegs‘ abgeleugnet, ihr Einfluß aber, als gering oder 
schwer schätzbar, vernachlässigt. Vergegenwärtigen wir uns einmal die Ur- 
sachen der Störungen. Als vornehmste sind wir geneigt, den Wind anzunehmen, 
welcher als Seewind das Niveau erhöht, als Landwind dasselbe erniedrigt. Die 
Grenze beider ist für die holländische Küste die NNO bis SSO-Linie.  Senkrecht 
zur Küste wehender Wind wird von größtem Einfluß sein.  Schneidet derselbe 
die Küstenlinie unter einem Winkel, so wird seine Wirksamkeit vielleicht eine 
Funktion dieses Winkels sein, etwa proportional dem sin. dieses Winkels. Die 
Größe der Stauung bezw. Abwehung wird wahrscheinlich auch proportional der 
Windstärke sein und in einer ähnlichen Beziehung zur Dauer des Windes stehen. 
Dieser wird in der Orttschen Formel gar keine Rechnung getragen. Ein Ver- 
such, dieselbe in Rechnung zu ziehen, ist ergebnislos verlaufen. Bei starken 
Winden wird dieselbe doch von erheblicher Bedeutung werden können. Ebenso 
macht ‚sich der Einfluß starker, sturmartiger Winde nicht erst nach sechs 
Stunden geltend, sondern viel eher, wie die Sturmfluten an den deutschen Küsten 
gezeigt haben (Lentz: Ebbe und Flut; Bubendey: Zentralblatt der Bau- 
verwaltung 1895, S. 72, 80). 
Dabei spielen die Ausdehnung des Windes und die Größe der Windwellen 
eine bedeutende Rolle, bei welch ersterer auch die Form und Größe des Wasser- 
beckens in Betracht kommt. Was nun die Erzeugung der Windwellen angeht, so wird 
man allerdings etwa 6 Stunden rechnen können, bis der lokale Wind dieselben aus- 
gebildet hat, Oft wird dieser aber ausgebildete Wellen vorfinden, teils als Nachlaß 
seines Vorgängers, teils als Ausläufer eines fernen Sturmes über dem betreffenden 
Meeresteil. Nach der Höhe und Richtung dieser Wellen wird der Einfluß des 
Windes auf die Flutwelle recht verschieden sein. Ein schwacher Wind von 
großer Ausdehnung wird, in der Richtung dieser Dünung laufend, oft dieselbe 
stauende Wirkung haben wie ein stärkerer aus entgegengesetzter Richtung 
wehender. ; 
Hier berühren sich die. Wirkungen des lokalen Windes mit denen des 
ganzen. Windsystems, welches über dem betreffenden Meeresteile liegt. Außer 
einem Wellensystem erzeugt: dasselbe auch ein Strömungssystem in der Ober- 
fläche. - Über die Veränderungen des Meeresniveaus durch die Strömungen liegen 
bereits: Untersuchungen vor. Professor Mohn berechnete und konstruierte für 
das „Europäische Nordmeer“ diese „Stromfläche“. (Den Norske Nordhavs Ex- 
pedition: Dybder, Temp. og Stromninger 1887; Ergänzungsheft 79 zu Peter- 
manns Mitteil.), - deren Komponente, soweit sie ein Produkt der Wind- 
strömungen war, er „Windfläche“. nannte. Für Zwecke der Berechnung der 
lokalen. Niveauveränderung. durch Strömungen sind dieselben allerdings kaum 
brauchbar. Zudem fällt dieser Einfluß neben den übrigen Windwirkungen wenig 
ins Gewicht. Dagegen wird der Wassertransport durch einen über ausgedehnte 
Meere .wehenden Wind schon eher sich bemerkbar machen. Endlich werden 
die Windwirkungen auf die Flutwelle noch davon abhängen, ob der Wind Zur 
Zeit des Niedrig- oder Hochwassers tätig. ist. Es ist z. B. bei den Sturmfluten 
beobachtet worden, daß bei Niedrigwasser die Aufwehung bedeutender war als 
bei Hochwasser, was darauf zurückzuführen ist, daß mit Einsetzen des Ebbe- 
stromes und während seiner Zunahme in der ersten Hälfte der Ebbe, die Meeres- 
fläche in der Richtung -des Meeres geneigt ist, wodurch die stauende Wirkung 
des Windes vergrößert wird. (Herrmann: Marine-Rundschau, 1897, S. 798.) 
Der Wind hindert dann den Wasserstand daran, um die berechnete Amplitude 
unter den letzten Hochwasserstand -zu sinken, so daß das Niedrigwasser also 
am: einen größeren Betrag von dem berechneten abweicht als das Hochwasser. 
Ferner ist während der zweiten Hälfte der Ebbe die Meeresoberfläche nach der 
Küste hin geneigt, so daß der Wind, jetzt in. der Richtung des Gefälles wehend, 
ebenfalls die Stauung vergrößern wird. Endlich wird auch die Aufwehung- bei 
Hochwasser dadurch verringert, daß der durch den .hydrostatischen Druck in der 
Tiefe entstehende Rückstrom um so stärker ist, je höher der Wasserstand an 
der Küste ist. (Bubendey, Zentralblatt der Bauverwaltung 1895, 81.)
	        
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