202 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Mai 1904.
daß weder in Amerika noch in Europa eine ähnliche Regelmäßigkeit zu finden
ist. Wenn im Winter die starke Abkühlung des inneren Nordasiens sich voll-
zieht, bildet sich dort ein hohes Barometermaximum aus, von dem aus nach
Schantung hin nordwestliche kalte Winde wehen. In den drei Monaten Dezember
vis Februar wehen 59%, aller Winde aus dem Quadranten WNW bis NNO mit
einer durchschnittlichen Stärke von 3,2 Beaufort-Graden, während die übrigen
Winde nur 1,7 Beaufort-Grade mittlere Stärke aufweisen. Diese kalten und
kräftigen Landwinde bieten keinerlei Anlaß zu Kondensationen, umsoweniger als
sie zum Meer herabsteigen, und so finden wir im Winter zugleich geringe Be-
wölkung, sehr dürftige Niederschläge (nur 7% der Jahresmenge), eine Luft-
feuchtigkeit unter dem Jahresmittel und eine sehr große Zahl heiterer Tage,
Dementsprechend ist Schneefall selten; es schneit nicht einmal an neun Tagen
im Jahre. Unter dem Einfluß der kalten Winde und der starken Ausstrahlung
bei schwach bewölktem Himmel in den längeren Nächten sinkt die Temperatur
zehr stark, so daß das Monatsmittel des Januar unter 0° herabgeht, obwohl wir
uns in der Breite von Cadiz befinden, wo die mittlere Januartemperatur
(1889—98) 10,8° beträgt. Wollen wir an der westeuropäischen Küste einen
Ort mit einer so niedrigen Januartemperatur wie Tsingtau finden, so müssen
wir nordwärts bis zur deutschen Küste gehen, wo Hamburg und Kiel, im Mittel
18° nördlicher als Tsingtau gelegen, etwa dieselbe Januartemperatur zeigen
(1876 —1900 Hamburg — 0,64°, Kiel — 0,77°). Das Wintervierteljahr weist in
Tsingtau durchschnittlich 65 Frosttage auf, und im Durchschnitt der fünf Jahre
fel der erste Frost auf den 26. XI., der letzte auf den 17. III.
Im Sommer tritt im nördlichen Innerasien der extremen Kälte des Winters
gegenüber eine extreme Erhitzung ein, so daß noch auf 60° Breite der Juli eine
Mitteltemperatur von + 20° erreicht. Die gewaltige Auflockerung des Luft-
meeres über dem erwärmten Lande führt zur Bildung eines tiefen Luftdruck-
minimums, und daß dieser starke jährliche Luftdruckgang bis zu den ostasiatischen
Küsten scharf hervortritt, zeigt die Kurve des jährlichen Luftdruckganges für
Tsingtau, die zwischen den Monatsmitteln von Januar und Juli einen Unterschied
von 17mm und sogar zwischen den Vierteljahrsmitteln von Sommer und Winter
einen solchen von 15 mm angibt. Nach dem zentralen Auflockerungsgebiet blasen
aun im Sommer von den Meeren her die Monsunwinde, über Tsingtau der Südost-
monsun; aus den Richtungen O bis SSW wehen 70,1°% aller Winde mit einer durch-
schnittlichen Stärke von 2,56 Beaufort-Graden, während alle übrigen Winde eine
Durchschnittsstärke von 1,8 Beaufort-Graden ergeben. Diese Seewinde bringen
reichlich Feuchtigkeit in das Land; die relative Feuchtigkeit und Bewölkung er-
veichen im Sommer ihre höchsten Werte (vgl, das Diagramm der jährlichen Gänge),
und in den beiden Monaten Juli und August fällt über die Hälfte. der jährlichen
Regenmenge. Unter dem Einfluß der Seewinde, der Regengüsse und der die
Sonneneinstrahlung an den längeren Tagen hemmenden hohen Bewölkung (die
die tägliche Temperaturschwankung stark herabsetzt, vgl. Diagramm) steigt die
Sommerhitze nicht so hoch. wie auf gleichen Breiten im Innern, und die Maximal-
temperatur des wärmsten Monats August 24,70° ist mit der in Cadiz in gleicher
zeographischer Breite an der europäischen Westküste etwa gleich (Cadiz
August 24,30°). Das Jahresmittel der Temperatur liegt aber wegen des kalten
Winters in Tsingtau (12,5°) fast 5° niedriger als in Cadiz (17,3°). Dieselbe
mittlere Jahrestemperatur wie in Tsingtau finden wir an der europäischen West-
küste erst in Brest, also volle 12 Breitengrade nördlicher.
A
Vergleich des Klimas von Tsingtau mit dem gleich warmer Stationen an
der euronäischen West- und nahe an der nordamerikanischen Ostküste.
Die Tabelle II auf Seite 8 stellt einige kennzeichnende Werte für
Tsingtau (geogr. Breite 36°), Brest (geogr. Breite 48°) und Philadelphia (geogr.
(Breite 40°) zusammen.
{n dieser Tabelle ist für Brest (Mittel 1893—1897) überhaupt kein Jähr-
licher Gang des Luftdrucks zu erkennen; in Philadelphia zeigen Frühling und
Sommer etwas niedrigeren Luftdruck als Winter und Herbst, aber die Amplitude
dieses Ganges ist auf !/s des Wertes in Tsingtau eingeschrumpft. Während der
Tempveraturunterschied zwischen Sommer und Winter in Tsingtau und Philadelphia