Krebs, W.: Verzerrungsformen der aufgehenden Sonne,
Die von dem russischen: und von den österreichischen Beobachtern ge-
sehenen ersten Bilder der aufgehenden Sonne stimmen in der Färbung überein.
Von: Herrn K*ifka ist sie als intensivster Morgenpurpurton, von - Herrn
v. Wrangell als Kirschrot bezeichnet, Diese Färbung ist ja auch bei jedem
klaren Sonnenaufgang oder -untergang mehr oder weuiger entwickelt. Sie ist
aus der stärkeren Absorption der brechbareren Sonnenstrahlen in der größeren
Atmosphärenstrecke längst erklärt. Eigenartig ist für die neuen Beobachtungen nur
die Verzerrung der Sonnenbilder. Hier läßt sich ein direkter Gegensatz der
beiderseitigen Beobachtungen feststellen. Herr v. Wrangell sah das Sonnen-
bild birnförmig mit dem Stielende: nach oben (Abbild. 1 u. 2), Herr Ktifka
bildete es in 15 Phasen ab, von denen die mittleren ebenfalls mehr oder
weniger ausgeprägte Birnenform, aber mit dem Stielende nach unten, erkennen
lassen. (Abbild. 3 bis 10.)
Dieser Gegensatz kann nicht befremden, wenn man die Standorte der
beiderlei: Beobachter berücksichtigt... Die beiden österreichischen Beobachter
befanden sich in Böhmen bei Brno (49° 49' 10” N-Br., 31° 20’ 12" O-L. v. Gr.)
in. 715 m Meereshöhe. Durch diese Höhenlage und ferner durch die voll-
kommene Windstille, die zur Zeit der Beobachtung herrschte, wird wahrschein-
lich gemacht, daß sie sich innerhalb des unteren Luftmeeres im böhmischen
Kessellande, demnach unterhalb der untersten wirksamen Sprungfläche der
Atmosphäre befanden. . Diese pflegt, entsprechend der Erscheinung des
„schwarzen Strichs“, im allgemeinen zu etwa 1000 m Meereshöhe angenommen
zu werden. Sie kann allerdings nicht allein viel höher, sondern auch viel
tiefer liegen. Der russische Beobachter dagegen stand auf dem Brockengipfel
in. 1142 m Meereshöhe. Er stand, wie aus seiner Beobachtung einer spiegelnden,
im unbeleuchteten Westen infolge Totalreflexion finster erscheinenden Fläche
unmittelbar hervorgeht, oberhalb der optisch wirksamen Sprungfläche der
Atmosphäre, in „recht fühlbarem“, „während der vorhergehenden Nacht sehr
stark“ gewesenen Westwind. Eine Sprungfläche ist übrigens über dem 200 km
ostnordöstlich gelegenen Aeronautischen Observatorium bei Berlin zwischen.
8 und 9 desselben ersten Septembermorgens durch einen bis 1600 m Meereshöhe
geglückten Aufstieg etwas jenseit 950 m Meereshöhe durch starke Inversion der
Temperatur, von 7,1 auf 10,2 Grad, und durch Zunahme des dort und damals
westnordwestlichen Windes festgestellt worden.!) Es liegt nahe, sie mit der
von Herrn v. Wrangell gesehenen Sprungfläche zu identifizieren.
Dieser Umstand und ihre gleichmäßige Ausbreitung, die er tatsächlich
schaute, führt zu der Vorstellung einer kugelschalenartigen Anordnung der von
ihr nach oben. abgegrenzten unteren Luftschicht, die nicht allein durch mecha-
nischen Druck, sondern auch durch verhältnismäßig viel größere Kälte zur Zeit
des Sonnenaufgangs optisch erheblich dichter war als die darüber hinweg-
strömenden Atmosphärenschichten. Das Sonnenbild, das der Beobachter durch
eine Kalotte dieser kristallklaren Kugelschale hindurch erblickte, mußte zuerst
aus Gründen der physikalischen Optik nach unten verbreitert erscheinen
(Abbild. 1), nicht so sehr wegen der allgemein bekannten scheinbaren Vergrößerung
dem Horizont näherer Himmelsobjekte als vielmehr wegen des optischen
Kontrastes der unteren Partie mit dem finsteren Schattenriß der Erde am öst-
lichen Horizont. Auf dieselbe Kontrastwirkung ist die ebenfalls nach unten
verbreiterte Gestaltung der beiden ersten Phasen KFifkas (Abbild. 3) zurückzu-
führen. Beim weiteren Aufsteigen der Sonne kam ein physikalisch optischer Umstand
der Fortdauer dieser Erscheinungsform- bei der -Brockenbeobachtung zu Hilfe.
Herr v. Wrangell befand sich unweit oberbalb der auch nur schwach ge-
krümmten brechenden Luftkalotte. Er. befand sich zwischen ihr und ihrem
Brennpunkte, ihrer Außenfläche näher als diesem, der am 1, September, kurz
vor dem Herbstäquinoktium, fast schon die Aquatorialebene erreichte, Die
Partie der Sonne innerhalb der Kalotte mußte zu einem großen Fleck vergrößert
erscheinen, ‚während die aus ihr heraustauchende Partie die der aufgehenden
Sonne normale Ausdehnung erhielt (Abbild. 2). Getrennt wurden beide Teile
der Sonnenfläche allerdings durch eine Zone, in der durch Totalreflexion an der
Sprungfläche der Sonnenschein für die vom Brocken aus beobachtenden Augen
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\ Deutsche Seewarte, Tabellarischer Wetterbericht Nr. 244 vom 1. September 1903.