148 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, April 1904.
kleinere und Fischerfahrzeuge von Wichtigkeit ist, nötigenfalls den nächsten
Hafen aufzusuchen. Den im Hafen liegenden Schiffen ist überdies täglich
Gelegenheit geboten, vor Antritt einer Reise sich über das zu erwartende
Wetter zu unterrichten, und werden dieselben angesichts des Sturmsignals
bäufig die Ausreise verschieben und besseres Weiter abwarten, Wenn es auch
noch nicht gelungen ist, ein internationales Sturmwarnungssystem zu schaffen,
so ist die Notwendigkeit eines Sturmwarnungssystems überhaupt doch von
allen Schiffahrt treibenden Nationen anerkannt, und seine Ausübung durch
einzelstaatliche Bestimmungen geregelt. Über das Sturmwarnungswesen euro-
näischer Staaten soll im folgenden eine Übersicht geboten werden,
A, Die Einrichtungen und System123.
Rußland.
Das Physikalische Zentral-Observatorium Nicolas in St. Petersburg ver-
gendet Sturmwarnungen an alle Häfen, die an das Netz der russischen und
finnischen meteorologischen Stationen angeschlossen sind. Die Warnungen
werden durch Signale auf folgende Weise veröffentlicht. Bei Tage wird ein
Kegel aus dunklem Zeug von 3 Fuß Höhe und Grundflächen - Durchmesser
geheißt, der aus der Entfernung von allen Seiten das Aussehen eines gleich-
seitigen Dreieckes hat. Nachts werden 3 rote Laternen gezeigt, die an den
Ecken eines Rahmens von denselben Abmessungeu wie der Kegel, befestigt sind
and die Scheitelpunkte eines gleichseitigen Dreieckes bilden. Das Signal:
Kegel, mit der Spitze nach oben, warnt vor starken Winden aus der nordöst-
lichen Hälfte der Strichrose, d. h. von NW durch NO bis SO; Signal: Kegel,
mit der Spitze nach unten, weist darauf hin, daß ein Unwetter aus der süd-
westlichen Hälfte der Strichrose zu erwarten steht, d. h. von SO durch SW
bis NW. Dieselben Bedeutungen hat zur Nachtzeit die der Kegelstellung
entsprechende Anordnung der roten Lampen. Das Aufheißen eines der er-
wähnten Signale zeigt an, daß eine atmosphärische Störung vorhanden ist, die
das Herannahen eines Sturmes aus der bezeichneten Richtung wahrscheinlich
macht. Die Warnung erstreckt sich auf einen Umkreis von 50 Seemeilen oder
etwa 90 Werst von der genannten Station aus. Jedes Sturmwarnungstelegramm
enthält eine kurze Charakteristik der Wetterlage und Erscheinungen, welche
die Absendung der Warnung veranlaßten. Das Telegramm wird öffentlich aus-
gehängt und verbleibt so lange an seinem Platze und zu jedermanns Einsicht,
bis das Signal selbst niedergeholt wird. In der Regel tut dies 48 Stunden
nach ausgegebener Warnung der bedienende Wärter selbständig, falls nicht
Jurch telegraphische Anweisung seitens der Zentrale in Petersburg ein früheres
Senken des Signales angeordnet wird. Bemerkt sei noch, daß nur bedeutende
allgemeine atmosphärische Störungen durch Signale angezeigt werden, und auf
kleinere oder rein lokale Verschlechterung der Wetterlage keine Rücksicht
genommen wird. Außerdem versendet das Observatorium erforderlichenfalls
noch Warnungen in bedingter Form. Die Beobachter auf den Sturmwarnungs-
atellen werden dann angewiesen, bei stündlichem Fallen des Barometers um
eine bestimmte Anzahl von Millimetern das Signal in dieser oder jener Form
zu zeigen. Diese Art der Benachrichtigung wird in solchen Fällen vorgezogen,
wo nach der um 1 Uhr nachmittags fertiggestellten synoptischen Karte hin-
reichende Anzeichen für das Herannahen einer Depression vorhanden sind, der
Charakter und die Bahn derselben sich jedoch noch nicht mit Sicherheit feststellen
lassen, etwa entsprechend den Fällen, bei welchen in Deutschland der Signal-
Dall oder eine einzelne rote Laterne gezeigt wird.
Das russische Reich zählt gegenwärtig 33 Sturmwarnungsstationen. Von
diesen kommen auf das Baltische Meer und seine Buchten 10, das Schwarze
Meer 12, das Asowsche Meer 5, das Weiße Meer 1, den Onega-See 1 und den
Ladoga-See 4. Hierzu treten noch Astrachan an der Wolgamündung, das nur
im Winter über bevorstehende stürmische NW-Winde benachrichtigt wird,
sowie Poti und Batum, denen nur Benachrichtigungen über in Kertsch und
Noworossijsk geheißte Sturmsignale regelmäßig zugehen.