Vierteljahrskarten für die Nordsee und Ostsee.
ist gewiß richtig, wenn man gegen den Entwurf solcher Linien quer über ganze
Ozeane hinweg Einspruch erhebt, da wir über den Verlauf der Gezeitenwellen
auf den offenen Ozeanen tatsächlich nichts wissen; aber anders geartet ist die
Sachlage in den Küstengewässern, um welche es sich hier handelt: hier kann
bei der großen Zahl der Küstenpunkte, deren Hafenzeit genau bekannt ist, in
Verbindung mit einigen anderen Anhaltspunkten, z. B. den Gezeitenbeohachtungen
von 8. M. S. „Drache“ in der offenen Nordsee, über die Art des Fortschreitens
der Gezeitenwellen von Ort zu Ort nur innerhalb sehr kleiner Zeitunterschiede
noch ein Zweifel bestehen. Die kartographische Darstellung dieser Linien
gleicher Hafenzeit gewährt dem Seemanne eine erhebliche Hilfe für eine
schnelle, vorläufige Orientierung über die zu erwartenden Wasserstands-
verhältnisse vor einem bestimmten Hafen, in derselben Weise, wie er mit Hilfe
der Gezeitentafeln diese gewinnt. — In dritter Linie haben die Gezeiten-
erscheinungen eine eingehende Abbildung durch die 12 Nebenkärtchen erfahren,
welche auf der Rückseite vereinigt sind und die Ebbe- und Flutströmungen
zeigen; sie gelten für jede Stundenphase der Gezeit bei Dover, unter Bezug-
nahme auch auf Cuxhaven und Ouessant. Wesentliche Teile dieser Kärtchen,
z. B. die Gezeitenströmungen im Englischen Kanal, hat die Deutsche Seewarte
schon in Küstenhandbüchern veröffentlicht; hier ist die Gewinnung eines Ge-
samtbildes unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Geschwindigkeiten
versucht.
Die prozentische Häufigkeit der verschiedenen Windrichtungen ist für
eine größere Zahl von Küstenstationen aus meist langjährigen Mittelwerten
berechnet worden. Bei der ungemein großen Veränderlichkeit gerade der Wind-
richtung über den heimischen Meeren war ein Versuch, das wenig umfangreiche
Beobachtungsmaterial von Schiffen zu verwerten, von vornherein aussichtslos;
nur die Beobachtungen an Bord der auf der Station liegenden Feuerschiffe
„Borkumriff“ und „Adlergrund“ konnten benutzt werden, und zwar von ersterem
die Jahrgänge 1894 bis 1902, von letzterem die Jahrgänge 1887 bis 1896. Die
Beobachtungen von „Borkumriff“-Feuerschiff verdankt die Deutsche Seewarte dem
Entgegenkommen der Königl. Wasserbauinspektion in Emden. Für die deutsche
Küste sind ferner 7 Stationen der Deutschen Seewarte ausgewählt worden;
Rixhöft wird später noch dazu treten. Die Beobachtungen der außerdeutschen
Stationen mußten aus sehr verschiedenartigen Veröffentlichungen, Jahrgängen
und Darstellungsformen für den vorliegenden Zweck umgearbeitet werden;
genannt seien in dieser Beziehung A. Buchans Report on atmospheric
eirculation!), ferner Rykatschews Arbeit über die Winde der Ostsee*) und
die Abhandlung über die Winde an der finnischen Küste in dem Atlas von
Finnland?®. Es wird dafür Sorge zu tragen sein, daß das Material der Wind-
beobachtungen an der Hand neuerer Originalreihen nach Möglichkeit vervoll-
kommnet wird. — Bei dem praktischen Gebrauche der Karte vergesse man
nicht, daß die Windrichtungen auch der an sich vielleicht sehr günstig gelegenen
Küstenstationen immer noch lokal beeinflußt sein können und jedenfalls für die
Verteilung der Windrichtungen auf dem freien Meere nicht maßgebend zu sein
brauchen; dem aufmerksamen Beobachter gibt die Karte in dieser Hinsicht
manchen deutlichen Aufschluß, wenn man z. B. die benachbarten Windsterne
vor dem Firth of Forth und vor Peterhead vergleicht,
Vollkommen versagen würden Küstenstationen für Rückschlüsse auf die
Windstärken über der See. Es ist nahezu unnötig zu erwähnen, daß die
zeographische Lage einer Küstenstation die Windstärken, je nachdem es sich
am auflandige oder ablandige Winde handelt, förmlich sortiert, und daß es
deshalb ein gauz irreführendes Vorgehen sein würde, die Windsterne von Küsten-
stationen mit der Angabe der für die einzelnen Windrichtungen etwa berechneten
„mittleren“ Windstärke zu versehen in der Erwartung, daß man hierdurch dem
Seemanne einen Anhalt über die Windstärken auf dem freien Meere gewähren
könne. Bei der „Monatskarte für den Nordatlantischen Ozean“ liegen die Ver-
hältnisse in dieser Beziehung natürlich ganz anders, weil dort lediglich wirkliche
1) „Challenger“-Report, Physics and Chemistry, Vol. II. London 1889.
?) Repertorium für Meteorologie, Band VI, Nr. 7. St. Petersburg 1878
3} Fennia, Band XVII. Helsingfors 1899.