Maurer, H.: Der magnetische Sturm am 31. Oktober und 1. November 1903. 119
geben und horizontal in der Erdrinde verlaufende Erdströme, die ebenfalls
bereits vielfach, besonders in Zusammenhang mit der Telegraphie konstatiert
worden sind. Vertikale Ströme können die Deklinationsnadel beeinflussen,
wenn sie nicht symmetrisch zur vertikalen magnetischen Ost-Westebene verteilt
sind, die Horizontalintensitätsnadel, wenn sie nicht symmetrisch zur magnetischen
Meridianebene verteilt sind; auf die Vertikalintensität sind sie nicht von KEin-
Auß.‘ Von den horizontalen Erdströmen wirken, soweit es sich um breite über
ausgedehnte Gebiete in gleicher Richtung und gleicher Stärke verlaufende
Strömungen handelt, die magnetisch. nordsüdlich gerichteten Komponenten auf
die Deklinationsnadel, die magnetisch ostwestlich gerichteten auf die Horizontal-
intensitätsnadel. Auf das Vertikalinstrument sind auch diese nicht von Einfluß.
Wohl aber wirken auf dies Instrument und auf die anderen ebenfalls horizontale
Erdströme, die sich nicht durch eine Vertikalebene durch den Beobachtungsort
in 2 symmetrische Hälften zerlegen lassen.
Mit diesen Betrachtungen stimmen die Tatsachen gut überein, daß die
Deklinations- und Horizontalintensitätskurven, die von den großen vertikalen
und horizontalen Strömungen beeinflußt werden, für weiter voneinander liegende
Stationen leichter identifizierbar sind als. die Vertikalintensitätskurven, die von
jenen großzügigen Strömungen weniger, dagegen stärker von den unregel-
mäßigen horizontalen Lokalströmen beeinflußt werden. Denken wir uns z. B.,
um die Vorstellung zu fixieren, positive Elektrizität besonders in der Zone des
Maximums der Nordlichter und dort wieder am stärksten auf dem der Sonne
zugewendeten Erdmeridian niedersteigend und von jenem Aktionszentrum radial
in der Erdrinde nach allen -Seiten abströmend, so würden solche Ströme am
Vormittag, wo dies Aktionszentrum im Nordosten läge, die Deklinationsnadel
nach Westen ablenken und auf die Horizontalintensitätsnadel wie eine
Verminderung der Horizontalintensität wirken, während sie das Vertikal-
intensitätsinstrument unbeeinflußt ließen. Solches Verhalten der drei Instrumente
finden wir in der Tat bei den großen Schwankungen von D und H, um 7* V und
10° V bei gleichzeitiger Ruhe des dritten Iustruments vor. Erst mit dem Nach-
mittag beginnen sich stärkere Strömungen von V zu zeigen, und zwar ein An-
wachsen von V zugleich mit Anwachsen von H und D, welch letzteres genau
am Mittag verhältnismäßig geringere Schwankungen ausführt. Es ließe sich
dies wiederum durch nunmehr hauptsächlich im Nordwesten niedersteigende und
von dort in der Erdrinde verlaufende Strömungen erklären, wenn’ wir dazu an-
nehmen, daß diese von Nordwest nach Südost gerichteten Ströme nörd-
lich von der Station stärker als südlich von ihr wären, was ja für den frühen
Nachmittag plausibel erscheint. Erst nach weiterem Wandern des Aktions-
zentrums nach Westen werden diese Ströme südwestlich von der Station stärker
als nordöstlich von ihr sein, wodurch dann ein Abnehmen der Vertikalintensität
eintritt. Es ist sehr interessant, daß in dem Moment, 2* 30wi» N, von dem an
die Vertikalintensität (vergl. Potsdamer Kurve) nach erreichtem Maximum
fallende Tendenz‘ erhält, der in der Telegraphenleitung von Antwerpen nach
Paris beobachtete Strom seine Richtung umgekehrt hat, und Analoges findet auf der
Brüsseler Nordlinie um 1*30=i» N und 2"*N statt. In den Strömen in den
isolierten Kabeln werden zum Teil auch Induktionswirkungen zum Ausdruck
kommen, die in ihrer Richtung und Stärke nicht von den Erdströmen selbst,
sondern von deren Stärkeschwankungen abhängen. Und iu der Tat finden wir
die heftigsten Leitungsströme zu Zeiten angegeben, wo die Schwankungen in
den Intensitätskurven, hauptsächlich der Vertikalintensität, am stärksten waren.
In Antwerpen z. B. nach „Ciel et Terre“ 1903 S. 421 um 1*N, 2130» N
zwischen 5" N und 6° N; sie fehlen dort nach 7* N,
Selbstverständlich macht dieser Erklärungsversuch keinen Anspruch darauf,
wirklich das Wesen der Erscheinung wiederzugeben; er soll nur roh zeigen,
welcherlei Wirkungsweisen in der buntesten Mannigfaltigkeit übereinander gelagert
ein solches Phänomen zustande bringen könnten.