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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, März 1904.
Während des größten Teiles des Jahres ist die Atmosphäre so klar, daß
hierdurch und in Verbindung mit der Höhe und Steilheit der meisten Inseln
eine gewisse Kompensation für den Mangel an großen Leuchtfeuern der Schiff-
fahrt bei Nacht erwächst; man vermag öfters auch nachts verläßliche Peilungen
zu nehmen und danach zu steuern, einerlei, ob der Mond scheint oder nicht.
In dieser Beziehung machte die „Siboga“ einmal eine eigenartige Beobachtung,
deren Kenntnis vielleicht navizatorische Bedeutung hat und die an den Eisblink
der Polargegenden erinnerte. In der Nacht vom 24. auf den 25. September 1899
zwischen 9 und 10® abends steuerte die „Siboga“ bei sternklarem, mondschein-
losem Himmel und sichtiger Luft nach WSW; der Logrechnung nach führte
der Kurs recht auf das Feuer der Saleyer-Straße zu, von der man noch 20 bis
25 Sın entfernt sein mußte. Da wurde deutlich folgendes Phänomen beobachtet:
von recht voraus bis eine Strecke an B-B war die Atmosphäre nahe dem Horizont
ganz dunkelschwarz; nördlich und südlich von diesem dunklen Streifen war die
Atmosphäre heller. Trotz des diffusen Charakters der ganzen Erscheinung war
der Unterschied in dem Schattenton sehr deutlich und direkt auffällig. Man
nahm an, daß die dunkle Partie recht über der Meeresstraße läge („Wasser-
himmel“), die helleren Tinten aber den Küstengebieten von Celebes und Saleyer
zugehörten, indem infolge des größeren Wasserdampfyehaltes über Land daselbst
die Atmosphäre das diffuse Sternenlicht zurückwarf; demgemäß schloß man aus
der Peilung des dunklen Horizontteiles, daß das Schiff erheblich nördlicher
stehen müsse, als die Schiffsrechnung ergab, eine Vermutung, die um 10%4"N
mit Insichtkommen des Feuers von Saleyer (Pamatati) als vollkommen richtig
sich erwies: das Schiff war etwa 5 Sm nördlicher als das Besteck.
Für viele Gegenden ist der steile Abfall der Küste und Küstenriffe
charakteristisch; man muß oft, über großen Tiefen ankern. Die unterseeische
Schildwache!) benutzte man mit großem Erfolg. Wennschon dies Instrument
besonders in Gewässern mit allmählich sich ändernden Tiefen Verwendung findet,
so hatte es doch auch im Indischen Archipel vor dem Thomson-Lot den
Vorzug, jede in der Kursrichtung gelegene Untiefe von 50 bis 75 m (30 bis
40 Faden) zuverlässig anzuzeigen; denn Lotungen mit dem Thomson-Lot
gaben gerade hier nicht die Sicherheit, daß nicht zwischen zwei Lotungen flache
Stellen sich befinden, die vielleicht nur ganz geringe Ausdehnung haben und
rings von tiefem Wasser umgeben sind. Und gerade die Kenntnis solcher
Stellen von 50 m’ und weniger ist im Archipel erwünscht, da sie unter Um-
ständen die Möglichkeit zum Ankern da gewährt, wo man z. B. während der
Nacht das Schiff treiben lassen müßte. In der Tat sind durch die unterseeische
Schildwache der „Siboga“ öfters solche flachen Stellen entdeckt worden, die
sonst nicht entdeckt worden wären.
Was die Kenntnis der Strömungen anbelangt, so bestätigen die in
dieser Hinsicht erlangten Beobachtungen die Regeln, daß das Oberflächenwasser
der vorwiegenden Richtung des Monsuns folgt, dal die Gezeitenströmungen im
allgemeinen eine mäßige Geschwindigkeit haben, in Durchfahrten aber und
Straßen sehr stark werden können. Für die Kenntnis der Bewegungen der
tieferen Schichten brachten die häufigen Tiefseearbeiten, besonders die
Fischereien, mancherlei Anhalt. Meist ist das Wasser der offenen See in den
100 oder 150 m überschreitenden Tiefen unbewegt, dagegen zeigen die Schichten
von 0 bis 100, 150 m in den meisten Fällen deutliches Strömen. Wahrscheinlich
reicht bis zu dieser Tiefe die Wirkung des Gezeitenphänomens; es würde diese
Annahme gut zu den Temperaturbeobachtungen stimmen, die im Archipel
in den entsprechenden Tiefen gemacht wurden. In der oberen Schicht bis etwa
100 m nimmt die Wasserwärme nur sehr wenig und langsam ab, dann aber schnell.
Häufig genug kamen auch erhebliche Abweichungen von diesem einfachen
Schema vor; so konnte man z. B. in der Manipa-Straße (zwischen Buru und
Ceram) feststellen, daß das Wasser zwischen 0 und 100 m in der Hauptsache
bewegungslos war (Wirkung der Gezeiten zur Zeit der Beobachtung), von 100
bis 800 m Tiefe aber entschieden nach Norden strömte ıTrift des Südostmonsuns)
und in den 800 m überschreitenden Tiefen wieder nahezu still stand.
N Vel, Schott in „Ann. d. Hydr. ete,“, 1901, S. 509; auch 1892, S, 279.