Schott, G.: Die niederländische Tiefsee-Expedition auf der „Siboga“. .
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Eine Lotmaschine von Le Blanc-Paris bewährte sich nach einigen
kleinen Verbesserungen; die mit ihr gemachten Erfahrungen decken sich voll-
kommen mit den. auf der „Valdivia“ gewonnenen Erfahrungen.!) Ausgezeichneie
Dienste für Tiefenmessungen auf vergleichsweise geringen Tiefen leistete eine
kleine Lucas-Maschine, die auf der Kommandobrücke aufgestellt war. Mehrfach
wurde diese letztzgenannte Maschine auch als eine Art Schildwache (submarine
sentry) in der Weise benutzt, daß man, wenn das Schiff in der Nähe von Land
trieb, 100 bis 200 Faden Draht ausgab: eine Grundberührung würde sich sofort
bemerkbar machen. Da Bojen, Leuchtfeuer und ähnliche Erleichterungen der
Schiffahrt in der Nacht für große Teile der nicht vermessenen malaiischen
Gewässer fehlen, mußte die „Siboga“ häufig. mit Sonnenuntergang entweder
ankern oder treiben, und in letzteren Fällen konnte dann die Lucas-Maschine
auf die gekennzeichnete Weise Verwertung finden. Im hinterindischen Archipel
zeigt die Gestaltung des Meeresbodens nahezu eben so großen Wechsel wie die
Formen des festen Landes, ganz im Gegensatz zu den Verhältnissen des offenen
Ozeans; aus diesem Grunde und bei der Anwesenheit der. vielfach noch ganz
unbekannten oder unberechenbaren Gezeitenströmungen wird es erklärlich, daß
die Tiefe, in welcher ein Netz den Boden erreichte, oft nicht übereinstimmte
mit der durch die Lotleine kurz vorher angezeigten Tiefe. Man mußte alles
daran setzen, um das Netz möglichst genau an der Stelle herunterzubringen,
wo.die Lotung gemacht war. In der Nähe der Küsten und Korallenriffe war
die Grundfischerei besonders mühsam, zumal bei Steilabfällen des Meeresbodens;
auch .in großen Tiefen war der Grund oft sehr steinig, und selbst in den
größten Tiefen kamen hin und wieder die Netze gefährdende versunkene Baum-
stümpfe zur Beobachtung. Da hier Tiefseesedimente rein organischen Ursprungs
fehlen, vielmehr überall terrigene Bestandteile in mehr oder weniger hohem
Prozentsatz dem Bodenschlamm beigemischt sind, so war der Bodenschlamm
überall recht zähe. Die Netze füllten . sichs rasch mit Schlamm, wurden über-
mäßig in Anspruch genommen, die Beute an Tieren verringert; einmal brachte
das Netz aus 4391 m Tiefe 800 kg Mud herauf! Auch auf der „Siboga“ stellte
sich — gerade wie auf der „Valdivia“ — bald die Notwendigkeit heraus, selbst
über leidlich vermessenen Gründen doch jedesmal vor einem Fischereizug eine
Lotung ad hoc auszuführen.
Was die Tiefseethermometer betrifft, so wurden vorzugsweise Umkehr-
thermometer nach dem System Negretti-Zambra benutzt, die in Kopenhagen
angefertigt waren. Es kam, wie auf den meisten Tiefsee-Expeditionen, auch
hier vor, daß diese Thermometer manchmal viel zu hohe Temperaturen anzeigten,
und die naheliegendste Vermutung ist dann, daß die Thermometer durch Strom
u. dergl. zu frühzeitig umgekippt sind, Tydeman weist zur Erklärung des vor-
geitigen Umkippens in solchen Fällen, in denen ganz sicher ein ununterbrochenes,
schnelles Hinabfieren stattgefunden hat und deshalb ein vorzeitiges Umkippen
durch Strom unverständlich ist, auf eine mögliche Ursache hin, die meines
Wissens noch nirgends erwähnt ist, auf die Eigendrehung der Seilleitung und
des ganzen Thermometers um die Längsachse. Wenn man keinen Pianodraht
benutzt — was ja nur in Ausnahmefällen möglich sein wird —, sondern an
irgend einem aus mehreren Litzen zusammengedrehten Stahlseil die Thermometer
versenkt, so ist, wenn die Belastung nicht gar sehr groß ist, eine schraubenartige
Drehung des Stahlseils und der daran befestigten Thermometer im Sinne der
Richtung wahrscheinlich und ja auch meistens bemerkbar, in welcher die einzelnen
Drähte zum ganzen Seil zusammengedreht sind: bei linksdrehend geschlagenem
Kabel wird das Kabel von ‚rechts nach links zu wirbeln die Neigung haben,
und umgekehrt. Ist dann zufällig der Propeller des Umkehrrahmens’ in anderem
Sinne-beweglich als das Stahlseil, z.B. rechtsdrehend, so läßt sich der Fall
denken, daß die Thermometer zu früh umkippen; dieser Fall ist gegeben, wenn
der Einfluß der Eigendrehung des Stahlseils auf den Propeller größer wird als
der gegen eine Eigrnbewegung des Propellers wirkende Einfluß des Hinabfierens,
d. h. der Einfluß der Reibung. Das Wasser wirkt dabei wie eine Schrauben-
mutter. Tydeman leitet aus diesen Erwägungen und aus besonderen, an Bord
1) Vgl. Schott, in „Wissenschaftl. Ergebnisse der Deutschen Tiefsee-Expedition“, Band I:
Ozeanographie u. marit. Meteorologie, S. 4 bis 11.