Ann. d. Hydr. ete., XXXII. Jahrg. (1904), Heft II.
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Die niederländische Tiefsee-Expedition auf der „Siboga“‘.
Nach Prof. M, Weber und F-Kapt. 6, F. Tydeman
bearbeitet von Dr. Gerhard Schott, Hamburg, Seewarte.
Hierzu 1 Tiefenkarte (Tafel 6.)
Die Jahre 1899 und 1900 sind für die Fortschritte in unseren 0zeano-
graphischen Kenntnissen von den indischen Gewässern besonders wichtig ge-
worden; neben der deutschen Tiefsee-Expedition auf der „Valdivia“,. deren
Tätigkeit ganz vorzugsweise dem offenen Indischen Ozean zugute gekommen ist,
hat die niederländische Tiefsee-Expedition auf der „Siboga“ in der malaiischen
Inselwelt, östlich von Java—Borneo, ein volles Jahr gearbeitet. Wertvolle
Bereicherungen für die physische Meereskunde und duch für die Küstenkunde
des hinterindischen Archipels sind dabei gewonnen wörden, ganz abgesehen von
den in dem Vordergrund der gelösten Aufgaben stehenden biologischen Forschungs-
ergebnissen. Unmittelbar nach seiner Rückkehr hat der wissenschaftliche Leiter
der „Siboga“-Expedition, Prof. Weber, für deutsche Leser einen vorläufig
orientierenden Aufsatz verfaßt!); jetzt liegen von dem großen definitiven Reise-
werk gerade diejenigen drei Teile vor, welche die Leser der „Ann, d. Hydr. ete.“
am nächsten angehen?) und mit denen die folgenden Zeilen bekannt machen sollen.
I. Allgemeines. Reisewege.
Den Gewässern des hinterindischen Archipels kommt um deswillen eine
so weitreichende allgemeine Bedeutung zu, einmal weil in ihnen irgendwo die
Grenze des Wasseraustausches zwischen dem Indischen Ozean und dem Stillen
Ozean liegen muß, und zweitens, weil die in ihnen eingelagerten Inseln eine
Art Verbindung zwischen den Kontinenten Asien und Australien herstellen.
Weit bekannt sind die Versuche, zumal früherer Zoologen,‘ festzustellen, wo
denn eigentlich — geographisch betrachtet — das Festland Asien aufhöre und
die australische Welt anfange, und lange Zeit hat die von Wallace gezogene
Trennungslinie in Ansehen gestanden, welche von der Lombok-Straße zur
Makassar-Straße verlaufend den malaiischen Archipel in einen westlichen,
indisch-asiatischen, Teil und in einen östlichen, australischen, Teil auf Grund
nahezu aller natürlichen Verhältnisse, besonders der Flora und Fauna, zerlegen
sollte. Im Laufe der letzten 10 bis 20 Jahre häuften sich aber infolge vieler
Einzeluntersuchungen, z. B. von Kükenthal, Semon, Weber, der Gebrüder
Sarasin u, a. m., die Bedenken gegen die Berechtigung dieser Trennungslinie;
außerdem war man, gerade nach den höchst interessanten, aber manche Rätsel
noch aufgebenden ozeanographischen Beobachtungen der „Challenger“-Expedition
und der „Gazelle“-Expedition, immer mehr zu der Überzeugung gedrängt, daß
eine eingehende Untersuchung des jene Inselwelt umspülenden Meeres in
morphologischer, physischer und biologischer Richtung bei dem geradezu
„amphibischen“ Charakter des Archipels am ehesten zum Ziele führen müßte,
und zwar auch in bezug auf die das feste Land betreffenden allgemeinen Fragen.
Die holländische Regierung stellte den neuerbauten kleinen Kreuzer
„Siboga“ für die Dauer eines Jahres zur Verfügung, und zwar zu SO 3auS-
schließlicher Verfügung, daß auch die Geschütze, Munition etc. von Bord entfernt
wurden, während gleichwohl die volle Besatzung von seiten der Kriegsmarine
zur Bewältigung der sehr zahlreichen und langwierigen Arbeiten an Bord blieb.
Es ist dies in dieser Form ein nahezu einzig dastehendes Entgegen-
kommen, welches hervorzuheben die Wissenschaft alle Ursache hat.
1) „Die niederländische „Siboga“-Expedition zur Untersuchung der marinen Fauna und Flora
des Indischen Archipels und einige ihrer Resultate“ in Peterm. „Geogr. Mitteilungen“, 1900, S. 182—191,
2) „Siboga“-Expeditie: I. Introduction et description de PExpedition, par M, Weber.
Avec 6 cartes. Il. Description of the sbip and appliances used for scientific exploration, by
G. F, Tydeman., With 3 plates. III. Hydrographie results of the „Siboga“-Expedition by
G, F, Tydeman. With 27 charts and plans. Leyden 1903.
Ann. d. Hydr etc., 1904, Heft 11.