Messerschmitt, J. B.: Nene Vorschläge zur Erforschung des Erdmagnetismus. 497
nur unter anderm an die internationale Erdmessung und an die dadurch ent-
standene Vereinheitlichung unseres gesammten Maß- und Gewichtswesens erinnert.
Der Erdmagnetismus hat selbst schon mehrfach Nutzen daraus gezogen.
So hat der von Gauß ins Leben gerufene „Magnetische Verein“ in den dreißiger
Jahren des vorigen Jahrhunderts und die sich daran anknüpfende Kooperation
unter der Führung von England und Rußland 1840 bis 1846 zum ersten Male ein
einheitliches über die ganze Erde verbreitetes Beobachtungsmaterial geliefert,
In neuerer Zeit ist das internationale Polarjahr 1882/83 zu erwähnen, in welchem
gleichzeitig Expeditionen nach dem Norden und Süden zum Studium des Erd-
magnetismus gesandt worden sind. Auch die eben zurückkehrenden Südpolar-
Expeditionen sind nicht zu vergessen, bei welchen dieses Gebiet mit eine der
Hauptaufgaben war. .
Bei der Wichtigkeit, die der Erdmagnetismus für das Seewesen besitzt,
wird jeder Schritt, der geeignet ist, den Schleier dieses rätselhaften Gebietes
etwas zu heben, auf das Interesse und teilweise auch auf die Unterstützung der
Marine rechnen dürfen, weshalb es angebracht erscheint, in diesen Blättern
sowohl einen kürzlich von anderer Seite gebrachten Vorschlag zu besprechen,
als auch einige weitere Betrachtungen daran anzuknüpfen,
Wenn nun auch dergleichen Vorschläge zunächst. zur Förderung der
Theorie ergehen, so darf man doch nicht vergessen, daß dadurch es ermöglicht
wird, praktische Aufgaben in hinreichender Annäherung zu lösen, wozu in erster
Linie die Vorausberechnung der magnetischen Elemente auf mehrere Jahre
voraus, vor allem der Mißweisung, zu rechnen ist.!) Die Schwierigkeit solcher
Vorausberechnungen liegt darin, daß die magnetischen Elemente sich fortwährend
ändern, welche Anderungen, säkulare Variationen genannt, zur Zeit noch nicht
genügend sicher bekannt sind. Schon öfter ist darauf hingewiesen worden, wie
ungleichmäßig die wenigen magnetischen Observatorien auf dem Krdballe
verteilt sind, und daß namentlich auf der südlichen Halbkugel eine schwer
empfundene Lücke besteht, welche zu überbrücken das Ziel eines jeden Erd-
magnetikers sein muß. i . .
Hierzu kann in erster Linie zwar nur eine Vermehrung des Beobachtungs-
netzes beitragen, und es ist erfreulich, daß immer mehr die Kriegsmarinen aller
Länder, trotz der vielfachen anderen dienstlichen Obliegenheiten, die diesen
schwimmenden Festungen zugeteilt sind, jährlich ihren Anteil beitragen, was
freilich ihnen später wieder selbst zugute kommt.
Durch die jetzt großenteils beendeten Südpolar-Expeditionen ist ferner
wieder ein schwierig zu erhaltendes Beobachtungsmaterial zusammengebracht
worden, das von ganz besonderem Wert ist, da es Gegenden betrifft, von
welchen Messungen nur ausnahmsweise und selten zu beschaffen sind, die aber
wegen der Nähe des magnetischen Poles für die geographische Verteilung des
Erdmagnetismus ganz besonders wichtig sind. Da überdies die Expeditions-
schiffe mit Einrichtungen versehen sind, auch auf offener See magnetische
Messungen anzustellen, so erhalten wir nicht nur von den wenigen Winter-
stationen in der Nähe des Südpolarkreises, sondern auch von weiteren Orten
auf offener See in den verschiedensten Teilen des’ südlichen Ozeans ein reiches
Beobachtungsmaterial und damit die Möglichkeit, den Verlauf der magnetischen
Kurven während der Zeit der Südpolar-Expeditionen recht sicher ableiten
zu können. .
_Es ist dabei als ein großer Vorzug der Polarschiffe zu betrachten, daß
sie von Holz erbaut sind und daher auf ihnen jedwelche magnetischen Messungen
mit verhältnismäßig großer Genauigkeit ausgeführt werden können. . Freilich ist
gg nicht ausgeschlossen, auf eisernen Schiffen brauchbare Messungen, insbesondere
der Mißweisung, zu erhalten, wie es die magnetischen Beobachtungen an Bord
der „Valdivia“ während der deutschen Tiefsee-Expedition 1898/99 gezeigt haben:”)
Wenn nun auch durch diese und ähnliche Forschungsreisen ein in jeder
Beziehung wichtiges und nützliches Material gewonnen wird, so läßt sich. doch
1) Vgl. auch A, Schmidt: „Über die. Darstellung der Ergebnisse erdmagnetischer Beob-
achtungen im Anschluß an die Theorie“, „Ann. d, Hydr, etc.“ 1898, S. 21.
. 2) C. Koldewey: „Magnetische Beobachtungen an Bord der »Valdiviae während der
deutschen Tiefsee-Expedition 1898/99“. Ausgeführt vom Navigationsoffizier W. Sachse. „Ann. d.
Hydr. etec.“, 1902, S, 299.