Ann. d. Hydr. ete., XXXI. Jahrg. (1903), Heft XI.
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Wetterkarten vom Nordatlantischen Ozean für den 1.bis 10. April 1903.
(Hierzu Tafel 22.)
Auf jeder der zahlreichen meteorologischen Zentralstellen Europas werden
täglich die mit dem Telegraph eingehenden Witterungsnachrichten aus einem
mehr oder weniger großen Abschnitte unseres Erdteils in Karten ‚eingetragen,
die auch der Öffentlichkeit in der: einen oder der andern Form zugänglich
gemacht werden. Dasselbe geschieht auf der andern Seite des Ozeans, in
Nordamerika, sowie im fernen Osten, in Japan, ja auch in Indien, Australien
und Argentinien. So wird die Witterung auf den Festländern, namentlich denen
der nördlichen gemäßigten Zone, Tag für Tag bis ins Einzelne verfolgt. Wir
sehen die mächtigen zyklonischen und antizyklonischen Luftwirbel über die
Festländer dahinziehen, und zwar in der Regel an ihren Westküsten auftauchen,
sich mehr oder weniger umbilden, und an ihren Ostküsten verschwinden. Was
auf den Ozeanen dazwischen vorgegangen ist, das erfahren wir vom Stillen
Ozean meistens gar nicht, vom Atlantischen aber nach Jahren, beim Erscheinen
der täglichen synoptischen Karten, die die Seewarte im Verein mit dem
Dänischen Meteorologischen Institut herausgibt. . Das neueste Vierteljahrsheft
derselben stellt die Monate April bis Juni 1897 dar, Eine frühere Herausgabe
dieser Karten wird angestrebt; allein mindestens ein Jahr muß auch im
günstigen Falle nach der Beobachtung vergehen, ehe diese Karten erscheinen,
dem da dieselben eine dauernde Unterlage für wissenschaftliche Untersuchungen
abgeben sollen, so muß man danach trachten, auch die an Bord von Segel-
schiffen auf langer Reise geführten Journale zu benutzen, .die oft erst nach
Jahr und Tag in die Hände der Seewarte kommen, und man muß vor allem
die Ankunft der Beobachtungen aus dem hohen Norden, insbesondere Island
und Grönland, abwarten,‘ ohne die eine Wetterkarte vom Nordatlantischen
Ozean stets etwas ganz Provisorisches sein wird, das nach ihrem Einlaufe unter
Umständen ein wesentlich anderes Aussehen erhält. Denn dort in 55° bis 65°
oder 70° Breite liegen gewöhnlich die Kerne der größten jener oben erwähnten
Luftwirbel, deren KEinzeichnung den gesamten Charakter der Wetterkarte
beeinflußt. . .
Einen Versuch, die Witterung auf dem von Dampfern hauptsächlich
befahrenen Teil des Nordatlantischen Ozeans für einen kürzlich abgelaufenen
Zeitabschnitt nach dem Material der Seewarte darzustellen, führt unseren Lesern
Tafel 22 vor. In diese sind nur die Angaben solcher Journale eingetragen, die
spätestens 20 Tage nach Ablauf des dargestellten Zeitraums, also vor dem
1. Mai d. J., auf. der Seewarte eingegangen sind. Man sieht, daß wenn auch
das Fehlen der Daten aus Island und Grönland nach Norden hin eine gewisse
Unsicherheit läßt, das auf der Seewarte in so kurzer Zeit eingehende Material
doch ausreicht, . eine Brücke von Europa nach Nordamerika zu schlagen und
die amerikanischen Wetterkarten mit den unseren zu verknüpfen. Die Frage,
ob ein in Europa von Westen her auftretender Sturmwirbel die Fortsetzung
eines einige Tage früher von Amerika fortgezogenen ist, oder nicht, eine Frage,
über die vor einigen Jahren bei Gelegenheit der Sturmwarnungen des „New York
Herald“ lebhaft verhandelt wurde, wird sich in der Regel nach diesem Material
schnell und ohne Schwierigkeit beantworten lassen. Auch über die Verlagerungen
des gewöhnlich bei den Azoren liegenden Gebiets. hohen Luftdrucks und über
Wind und Wetter auf den Dampferwegen zwischen Europa und Nord- bezw.
Mittel-Amerika wird man aus solchen Karten genügende Auskunft erhalten.
Um die Ortsveränderung der großen Luftwirbel leichter überblicken zu
können, sind in dem vorletzten Kärtchen unserer Tafel die nacheinander folgenden
Lagen ihrer Mittelpunkte eingezeichnet und durch Linien verbunden, die man
als die annähernden Bahnen des betreffenden Minimums oder Maximums an-
sehen kann.
Ann. &. Hydr. ete., 1903. Heft XI.