Kleinere Mitteilungen.
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Kleinere Mitteilungen.
A. Bora- und fumareaähnliche Erscheinungen auf einem Gebirgssee.
Auf dem Weißen See in. den deutschen Hochvogesen mit Temperatur- und
Verdunstungsmessungen beschäftigt, machte ich an mehreren Tagen des dies-
jährigen Juli und August die Beobachtung, daß stärkere Winde aus der West-
hälfte der Windrose als heftige Fallwinde in einzelnen Stößen auf die See-
fläche herabgelangten, Sie brachen oft so heftig ein, daß das sonst mit zwei
Rudern leicht zu regierende flache Boot, ein sogenannter Illkahn, zeitweise
unbeweglich auf die Fläche aufgepreßt erschien. Der See hat eine länglich drei-
eckige Gestalt, eine Spitze nach Norden gerichtet. Das Süd- und Westufer
sind sehr hoch, wenig bewaldet und gipfeln zwischen Südost- und Südwestecke
in der als Aussichtspunkt berühınten Seekanzel 218,4 ın über dem in 1054 m
über Meereshöhe gelegenen Seespiegel. Das Ostufer ist dichter‘ bewaldet und
niedriger, erreicht in seinem mittleren Teile aber auch 74 m über Seefläche.
Eigentliche Taleinschnitte besitzt die Nord- und Südostecke — letztere mit der
Staumauer und dem Ausfluß des Sees —. Die HEinfallsscharte der erwähnten
Böen bildet vor allem eine keineswegs tiefe Einsattelung der hohen Südwest-
ecke, von der aus ein Geröllfeld in den See vorstößt und.ihm zu einem dort
passablen Strande über und zu einem Rücken unter Wasser verholfen hat, durch
den er in zwei Becken, ein nördliches und ein südliches, von nahezu 40 bezw.
560 m Tiefe zerlegt wird. .
Die Böen fallen gewöhnlich etwa 10m entfernt von den überhöhten
Uferrändern ein. Ich erkannte sie an den streifenartig verbreiterten moiree-
artigen Kräuselungen der Seefläche und sah sie in dieser Weise geradezu
sichtbar herankommen. Oft treten mehrere Kräuselstreifen hintereinander auf,
wie mir manchmal erschien, in regelmäßigen Abständen, demnach auf wogen-
artige Verhältnisse deutend. Der zerzauste Niederwald an der Ostseite pflegt
stoßweise heftig zu rauschen, sobald die Böenstreifen das Ufer erreicht haben.
Am 3. August 1903 herrschte heftiger Sturm aus westlichen Richtungen in
den Hochvogesen. Vom Großen Belchen wurde zu allen Terminen seit dem
Vorabend W 8 gemeldet. Am Weißen See schienen mir die teilweise tief
herabhängenden unteren Wolken mehr aus WzS zu ziehen.
Die Seefläche war stark bewegt. Sie brandete wie kochendes Wasser
nach ‚allen Seiten, am Südostufer, wie ich gegen 11" 30=in V messen konnte, bis
1,20 m hoch. Ich ruderte trotzdem bis zu meiner Station II, etwa auf !/4 der
von der Nordspitze ausgehenden 800 m betragenden Transversale hinaus. Das
Boot wurde dort aber derart hin- und hergeworfen, daß eine zuverlässige Aus-
führung: der Beobachtungen nicht möglich war.
Vollends zum Rückzug genötigt, wurde ich durch Erscheinungen, die ich
zuerst für Wasserhosen hielt, von deren abweichender Natur ich mich aber
durch die ruhigere Beobachtung vom wieder erreichten Ufer aus überzeugen
konnte.’) Von überaus heftigen Windstößen wurde das Wasser in Gestalt
weißer Nebelsäulen bis 30 oder 40 m ‚Höhe erhoben. Ich stand später am
Ostufer selbst in einer. solchen Nebelsäule, mindestens 30 m oberhalb der See-
fläche. Dabei steigerte sich das Rauschen des Windes zum Pfeifen und Klirren
in den Blättern und Nadelsprossen der dort stehenden Bäume,
Die von ihm gebrachte Luft war auffallend kalt. In einer Nebelsäule
an der Südostecke maß ich um 11% 35=in V nur 11,7° Wärme, gegen 13,9° auf
Station II um 9" V und 13,8° am Nordufer um 9% 10=n V, Sie war naturgemäß
feuchter, indem nur 1,8° Verdunstungskälte dort den 2,7° an letzteren beiden
Stellen gegenüberstand. ;
Die Windstöße waren mit der Bora, die Nebelsäulen mit der
Fumarea des Adriatischen und Schwarzen Meeres zu vergleichen,
Auch der den kahlen Kamm. verhüllende, nach unten sich auflösende .Wolken-
vorhang war vorhanden. Von besonderer Bedeutung erscheint mir die Beob-
achtung, daß Wirbelbewegung um senkrechte Achsen in der „Fumarea“ nur dann
eintrat, wenn Windstöße aus verschiedenen Richtungen einander kreuzten. Das
wurde einige Male von gleichzeitiger Ablenkung des Weststurmes durch den
Einschnitt im Nordufer ermöglicht. Dann lösten sich aber in der „Fumarea“
1) Ihre Bestimmung als Fumarea wurde mir durch den dankenswerten Rat dea Herrn
Profesanr Käpnven erleichtert