398 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, September 1903,
bekannt, andere ergaben sich aus der Notwendigkeit, die neuen Karten mit
jeder nur wünschenswerten Genauigkeit herzustellen.
Vorarbeiten: Regelmäßige Lotungen. Zu den Vorarbeiten gehört,
daß man über das aufzunehmende Gebiet ein System von Lotungslinien legt,
die je nach den Tiefen in mehr oder weniger geringen Abständen voneinander
liegen. Wenn man die "Tiefenverhältnisse ungefähr kennt, so lassen sich diese
Linien leicht so anordnen, daß sie regelmäßig auch über die tiefen Stellen
hinweglaufen und die Tiefenkurven schneiden.
Über felsige Gründe, deren Umrisse meistens schon in den Karten ge-
geben sein werden, müssen die Lotungslinien dichter gelegt werden. Bisweilen
wird man auch genötigt sein, noch weitere Linien oder Teile von Linien zwischen
zwei schon gelaufene Linien zu legen, um den Zwischenraum zu verringern. In
gewissen Fällen, z. B. bei Einfahrten, ist es vorteilhafter, zwei Systeme von
Linien zu legen, die sich rechtwinklig schneiden. Obgleich in den „Traites
d’Hydrographie“ gezeigt wird, wie diese Arbeiten auszuführen sind, so ist es
wesentlich noch zu bemerken, daß die Reduktion der Lotungen sich unmittelbar
den Lotungen anzuschließen hat, und daß durchaus alle Lotungen einzutragen
sind, um nicht wichtige Stellen ununtersucht zu lassen. Auf den letzteren Punkt
kann nicht oft genug hingewiesen werden. .
Diese erste Arbeit gibt einen allgemeinen Überblick über die Tiefen-
verhältnisse. Man wird den Verlauf des Fahrwassers erkennen und aus den
plötzlichen Tiefenänderungen auf die wahrscheinliche Lage von Klippen
schließen können.
Gleichzeitige Lotungen. Alle die so gefundenen Stellen, auf denen
Klippen liegen können, sind bei gutem Wetter und günstiger Tide zu unter-
suchen. Da diese Bedingungen nicht eben häufig zutreffen, so müssen für die
Untersuchung 8o viel Arbeitskräfte verfügbar gemacht werden als möglich.
Jeder Vermessungsführer muß außer seinem eigenen Fahrzeug noch mehrere
Boote zum Loten zur Verfügung haben. Man bezeichnet das aufzunehmende
Gebiet durch verankerte Bojen und bedeckt dasselbe mit einem Netz dichter
Lotungslinien, wobei man vorteilhaft verankerte Bojen zur Richtschnur nimmt,
um die Linien möglichst parallel zu laufen. Das Führerboot, das, beständig
lotend, eine Linie nach der anderen abläuft, hat zu beiden Seiten, in einem
Abstande von nur einigen Metern, je ein oder zwei Boote, die, ebenfalls
beständig lotend, parallel zum Führerboot laufen. Die Lotgäste müssen, ihre
Ablesungen 80 laut ausrufen, daß der Führer sie verstehen kann. Der UÜber-
sichtlichkeit halber tut man gut, alle zu laufenden Linien genau einzuzeichnen.
Auf diese Weise wird man auf dem verhältnismäßig kleinen Raum, den man
untersucht, leicht die flachsten Stellen erkennen können. Auf den flachsten
Stellen werden wieder Bojen verankert und rund um dieselben der Grund ab-
gelotet. Man erhält so gleichzeitig eine Anzahl Lotwürfe aus der Umgebung
der Klippe. Nach einigem Suchen wird man mit ausgebildeten Lotgästen auch
bald den Kopf der Klippe finden. Es ist wesentlich, daß man die Boje so nahe
bei der gefundenen geringsten Wassertiefe verankert, daß man ihren Abstand
vom Lotgasten genau schätzen kann; im anderen Falle muß die Boje verlegt
werden. Ist die Klippe sehr spitz, so ist es zweckmäßig, wenn der Lotgast
das Lot auf der Klippe liegen läßt; der Führer manövriert sein Boot dann so,
daß er es über der Klippe hält; die anderen Boote loten den Grund um ihn
herum ab. Auf diese Weise wird man ein Bild der ganzen Untiefe erhalten.
Eine andere empfehlenswerte Methode ist die, daß man luvwärts von der
Untiefe, deren Umrisse ungefähr bekannt sein werden, gegen den Strom dreht
und sich, das Lot immer auf dem Grunde haltend, durch den Strom über die
Untiefe wegtreiben läßt. Der Lotgast, die Leine immer steif haltend, ruckt
in ganz kurzen Zwischenräumen die Leine etwas an, so daß sie auf und
nieder steht und liest die Tiefe ab. Der Lotgast wird dabei fühlen, wie der
Grund ansteigt, die Tiefen werden immer geringer, bis der Kopf der Klippe
oder die geringste Tiefe erreicht ist, und nehmen dann wieder zu. Durch jedes
Boot wird so ein Profil des Grundes aufgenommen. Um dasjenige Profil, das
die geringsten Tiefen ergeben hat, gruppiert man dann die Boote und läßt dies
Verfahren wiederholen. Man wird so ein getreues Relief des aufzunehmenden
Meeresgrundes erhalten.