Rottok: Meereswellen-Beobachtungen,
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Windes stehende Seegang wird‘ durchkreuzt von einem, nicht selten sogar
mehreren anderen Wellensystemen, die durch früher oder an anderen Orten
wehende Winde erzeugt sind. Es ist dies eine Folge davon, daß die Wellen-
bewegungen auch nach dem Aufhören der erzeugenden Kraft oft lange Zeit noch
fortbestehen und auf weite Strecken sich fortpflanzen.
Die Beziehungen des Windes zu den Wellen
sind von besonderem Interesse für das Wellenstudium und seine Anwendungen,
sie sollen daher auch hier einer kurzen Betrachtung unterzogen werden.
So gewiß zwischen Ursache und Wirkung ein Zusammenhang besteht, so
zweifellos bestehen auch zwischen dem Winde und den von ihm erzeugten
Wellen ganz bestimmte Beziehungen. Doch ist es schwierig und bislang nicht
gelungen, diese Beziehungen in zuverlässiger Weise festzustellen oder gar in
strenge gesetzmäßige Form zu kleiden. Diese Schwierigkeit hat, abgesehen von
der Unvollkommenheit der Beobachtungsmethoden, hauptsächlich ihren Grund
darin, daß anstatt der gesamten, nach Dauer und Stärke wechselnden Kräfte,
als deren resultierende Wirkung die Wellen anzusehen sind, nur die augenblick-
liche Stärke des Windes zur Beobachtung und Rechnung gelangt. Als weitere
Unsicherheit tritt noch die ungenaue Bestimmung der Windgeschwindigkeit
hinzu, die, auf Schätzung des Beobachters beruhend und von seiner subjektiven
Beurteilung abhängig, der Willkür einen reichlich großen Spielraum gewährt.
Als feststehend ist das Folgende anzusehen. Mit der Andauer wie mit
der Stärke des Windes nehmen, freien Seeraum vorausgesetzt, alle Wellen-
dimensionen, Höhe, Länge, Geschwindigkeit und mit diesen auch die Periode
zu. Die Höhe wächst am schnellsten, die Länge zuerst langsam, dann aber
schneller als. die Höhe.
So berichtet Päris, daß bei konstantem Winde (von der Geschwindigkeit
15 m) sich die Wellenlänge in vier Tagen nahezu verdoppelt, die Höhe dagegen
nur um */s zugenommen hatte.
Die Geschwindigkeit ist am wenigsten veränderlich, sie wächst allmählich
mit der Dauer und Stärke des Windes und erreicht bald eine konstante Größe.
Bei gleich bleibender Richtung und Stärke des Windes hört nach einer
bestimmten Zeit die Zunahme der Wellendimensionen auf, die Wellen nehmen
einen konstanten Charakter an und bleiben unverändert. Solche vollentwickelten
Wellen pflegt man ausgewachsene Wellen zu nennen.
Flaut der Wind ab, so nehmen auch die Wellenelemente ab, und zwar
am schnellsten wieder die Höhe, langsamer die Länge und Geschwindigkeit.
Dieselbe Erscheinung setzt sich fort, wenn der Wind schließlich ganz aufhört
und an Stelle der „See“ die sich in ihrer Form von dieser durch ihre ab-
gerundeten Wellenkuppen unterscheidende „Dünung“ tritt. Während die Höhe
der Wellen sich in der Dünung schnell vermindert, behält sie ihre Länge und
Geschwindigkeit noch lange Zeit und in großem Abstande von dem Orte, an
dem die Windstille eintrat, bei. So berichtet Päris von einer Dünung im süd-
lichen Indischen Ozean, die 60 Stunden lang und auf einer Strecke von 350 Sm
die Länge und Geschwindigkeit der unter der Einwirkung eines steifen SW-Windes
entstandenen See fast unverändert beibehielt, während die Wellenhöhe sich um
die Hälfte vermindert hatte.
Die Versuche, die Beziehungen zwischen Wind- und Wellenmaßen in be-
stimmte Gesetze zu kleiden, reichen weit zurück. Schon in der Mitte ‘des
18. Jahrhunderts machte Goimpy einen solchen Versuch, seine Resultate waren
jedoch mit den tatsächlichen Verhältnissen nicht in Einklang zu bringen.
Später wurden die Versuche namentlich durch Coupvent des Bois,
Antoine und Päris wieder aufgenommen. Coupvent des Bois leitete aus
einer sehr großen Zahl von Beobachtungen das Gesetz ab, daß das Quadrat der
Windgeschwindigkeit proportional ist dem Kubus der Wellenhöhe, oder in
algebraischer Form ausgedrückt H = Ayw”, worin w die Windgeschwindig-
keit in Meter pro Sekunde und A eine Konstante (== 0,68) bedeutet.
: Um die Unsicherheit, die diesem Gesetz durch Übertragung der geschätzten
Windstärke — die von Coupvent des Bois benutzten Beobachtungen waren