288 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juli 1903,
auch im Gebiet des eigentlichen Golfstromes; jeder kräftige, etwas an-
haltende konträre Wind aus dem Nordost- oder Südost-Quadranten
vermag die Oberflächenströmung des Golfstromes mindestens bis
zu etwa 10m Tiefe, dem größten Tiefgang unserer Dampfer, ab-
zulenken und die vorwiegende Nordost-Richtung zu unterdrücken.
Diese letztere Richtung, die die wissenschaftliche Meereskunde aus dem Studium
der Wärmeverhältnisse des Wassers, aus Flaschenposten u. a. m., als normale
ansieht, kommt, abgesehen natürlich von den im Gefolge westlicher Winde auf-
tretenden östlichen Versetzungen, außerdem nur als Grundton zu Tage, und nur
bei Windstille oder ganz schwachen Winden und nur westlich von etwa
40° W-Lg. zum Ausdruck — es kann also von einer irgendwie erheblichen
Unabhängigkeit des Golfstromes vom Winde, es kann von einem stetigen
Fließen des Wassers in einer Richtung unter stetigem Gefälle bei dem fast
ınaufhörlichen Windwechsel gerade im Gebiete der mit Recht so genannten
„veränderlichen Westwinde“ nicht wohl die Rede sein. Dies beachte der
praktische Seemann bei den auch auf den Seekarten eingetragenen Darstellungen
des Golfstromes der amerikanischen Gewässer.
Sehen wir nun von der unmittelbaren Einwirkung der Winde ab und
ordnen ohne Rücksicht auf die Winde alle beobachteten Strom-
versetzungen lediglich nach ihrer Richtung, wobei zugleich die den
einzelnen Stromrichtungen zukommenden Stromstärken mit angesetzt werden
nögen, so erhalten wir ein für die geographische Anschauung wertvolles Bild
von dem Grundcharakter der Strömungen über dem untersuchten Gebiet, Dies
Bild ist in Tabelle 1V und V enthalten und zugleich auf Tafel 13 graphisch
dargestellt, eine Darstellung, welche Stromrichtung und Stromstärke in ihrer
gegenseitigen Verbindung erkennen läßt und deshalb der genauen Betrachtung
besonders empfohlen wird. Es sind folgende Sätze daraus abzulesen:
Auf den südlichen der vereinbarten Dampferwege ist der vorherrschende
Einfluß des Golfstromes, sowohl nach Richtung wie nach Geschwindigkeit,
zwischen der Ostküste Amerikas und 40° W-Lg. ganz unverkennbar und un-
unterbrochen; östlich von 40° W-Lg. sind aber die Versetzungen nach allen
vier Quadranten ungefähr gleich häufig, es überwiegt weder der Nordost-Strom
noch auch auf der Strecke zwischen Englischem Kanal und 20° W-Lg. der
“rüher soviel beschriebene, aber tatsächlich nicht nachweisbare und nicht vor-
handene sogenannte Rennell-Strom nach Nordwesten.
Bei den nördlichen der vereinbarten Dampferwege ist der Unterschied
der Stromsterne von den für die südlichen Wege gültigen Stromsternen auf der
Strecke Land—60° W-Lg. und 50°—40° W-Lg. sehr auffällig; das Über-
wiegen der Südwest-Versetzungen zwischen Sable Island und Nantucket ist
sicher eine Folge der aus dem St. Lorenz-Golf kommenden Küstenströmung,
jedenfalls liegt dieser Teil des nördlichen Dampferweges in der Hauptsache
außerhalb des Golfstromes, während die entsprechende Teilstrecke des südlichen
Dampferweges mit vorwiegenden Nordost- und Nordwest-Versetzungen der Nord-
kante des Golfstromes und zum Teil dem Golfstrom selbst zugehört. Noch
schärfer ist der Gegensatz beider Routen zwischen 50° und 40° W-Lg.: die
nördliche Route bringt hier ganz vorherrschende südwestliche Versetzungen mit
sich, die südliche solche nach Nordosten. Daß die südwestlichen Versetzungen
im Gebiete der Vlämischen Kappe nicht etwa auf Rechnung östlicher und
nördlicher Winde, vielmehr auf Rechnung des ja auch das Eis transportierenden
kalten Labradorstromes zu setzen sind, läßt sich mit ziemlicher Bestimmtheit
sagen, weil, wie aus Tabelle III in der entsprechenden Querreihe erkenntlich
wird, von den 51 Versetzungen nur 12 bei Winden aus Nord über Ost bis Süd-
züdost, dagegen 36 bei Winden aus Süd über West bis Nordnordwest beobachtet
worden sind; wenn lediglich Windtriften in Frage ständen, hätten östliche Ver-
setzungen auftreten müssen.
‚Jedenfalls ist der zweimalige Wechsel zwischen Vorwiegen des Südwest-
und Nordost-Stromes bei den vier ersten Stromsternen der nördlichen Routen
(Amerikanisches Festland—30° W-Lg.) die weitaus bemerkenswerteste Erscheinung,
das Charakteristicum der ganzen Tafel 13, und man kann in schematischer Weise
die vorherrschende Bewegungstendenz der Meeresoberfläche und die relative