v. Schrötter, A.: Die Gefahren der Kohlenladungen. 9243
übergegangen waren, dann hatten sie sich in Lee so festgestaucht, daß man
sie mit Hacken und Kuhfüßen herausbrechen mußte. Diese Sorten sind daher
von den Schiffen vieler Reedereien, die vorzugsweise Kohlen fahren und viel
Erfahrung besitzen, oder von Versicherungsgesellschaften ausgeschlossen oder
nur in den festen Ballasttänks, wo sie kein Unheil anrichten können, zugelassen.
Aber die gewöhnliche Ladungskohle lagert sich nach einigen Tagen gut
ein, und wenn Längsschotten in vernünftiger Weise vorgesehen sind, ist ein
Übergehen kaum zu erwarten; Ausnahmen bestätigen eben die Regel und sind
dem Verfasser wohlbekannt.!) _Bei der überwiegenden Anzahl der Fälle von
Selbstentzündungen wurde ein Übergehen der Ladung nicht gemeldet. Hieraus
schließend, erscheint es erlaubt zu sagen, daß die Ladungskohlen, welche zur
Selbstentzündung neigen, fest im Schiffe lagern. Weiter folgert, daß die durch
die Schlingerbewegungen entstandene Reibung die eigentliche Entzündungs-
ursache nicht sein kann, da sonst nicht die festlagernden, sondern die losen
and daher lebendigen Ladungen den größeren Prozentsatz für die Brandstatistik
stellen müßten, was nicht der Fall ist. Nun aber sind die eben berichteten
Eigenheiten der harten Kohlen nicht allgemein bekannt und im besonderen den
Seeleuten nicht, die selten, und dann nur unter besonderen Klauseln, derartige
Kohlen als Ladung erhalten, daher die Anschauung von der Brandentstehung
durch Reibungswärme nicht auf die Hartkohle, sondern auf die gewöhnliche
Ladungs- oder Bunkerhohle gemünzt ist. Diese umstrittene Anschauung von
der Reibungswärme iunerhalb der Kohlen beruht auf einem erklärlichen, aber
grundsätzlichen Mißverständnis. Der Seemann kennt aus eigener übler Er-
fahrung die außerordentlich heftigen Schlinger- und Stampfbewegungen eines
modernen großen Seglers mit fester Takelage, der, um den Rekord zu halten,
bei Kap Horn mit allem Zeug, das er tragen kann, gegen die schwere Südwest-
see angepreßt wird. Da erscheint es verständlich, wenn man in diesem „Ar-
beiten“ jene Arbeit zu erkennen glaubt, welche, innerhalb der Kohlen als Reibung,
Wärme erzeugt. Der Ausdruck: — das Schiff arbeitet schwer gegen die See
— läßt ja gewissermaßen keine andere Deutung zu. Aber die tatsächliche
Arbeit, entstanden durch den Segeldruck, der das Schiff in einer bestimmten
Zeit mit einer bestimmten Geschwindigkeit durch und gegen die See drückt,
äufsert sich, abgesehen von diesem Effekt der Fortbewegung, auch in Reibung
und zwar starker Reibung, jedoch nicht im Schiff und in den Kohlen, sondern
zwischen Schiff und Wasser, was so treffend mit der Bezeichnung „Pressen“
illustriert wird. Denn Schiff und Kohlen bilden, solange letztere nicht über-
schießen, ein festes Ganzes, und alle Teilchen machen die Stampf- und Schlinger-
bewegung ihrer Lage entsprechend mit, was eine Reibung unter sich ausschließt.
Die außenbords entstandene Reibungswärme verteilt sich aber unmittelbar nach
ihrer Entstehung, gelangt also nicht in die Kohlenmasse hinein. Da nun die
erzeugte Reibungswärme nicht in die Kohlen gelangt, diese mit dem Schiff und
im Verhältnis zum Schiff eine relativ ruhende Masse bildet, in der keine Wärme
entstehen kann, so ist die Annahme von der Brandentstehung durch Reibungs-
wärme widerlegt.
Es läßt sich noch eine Wärmeentwickelung innerhalb der Kohlen durch
plötzliche Druckänderung beim Stampfen und Schlingern denken, die rechnerisch
ganz gut festgestellt werden kann, eine interessante Aufgabe für einen Physiker
und lehrreich für uns, wenn auch nicht praktisch verwendbar. Um dies erklärlich
zu finden, bedenke man nur, daß die Hauptwärmemenge an der Basis der
Kohlenmasse, die als Druck aufzufassen ist, entstände, also auf der Tänk-
decke, woselbst sie durch Strahlung, Leitung und Oberflächenkühlung sofort
verteilt würde.
Jetzt wäre der Einwurf zu erheben, daß ich selbst die Abhängigkeit der
Selbstentzündungen von der Raumtiefe, folglich indirekt vom Druck höherer
Schichten auf die unteren, nachgewiesen und durch Beispiele erhärtet hätte.
Das ist richtig. Der Einfluß des Druckes auf die Selbstentzündung sollte auch
gar nicht bestritten werden, nur die Erklärungsweise war unrichtig und verleitete
1) In den Akten der Seewarte habe ich nur einen Fall von Selbstentzündung und Über-
schießen der Ladung gefunden, mehrere von Übergehen ohne Erwärmung. Das Material mnß erst
gesichtet und geordnet werden, um ein klares Bild zu schaffen.