v. Schrötter, A.: Die Gefahren der Kohleuladungen. :
hinzuweisen, die bei der Realisierung einer aus der Theorie richtig hergeleiteten
Idee gemacht worden sind und gemacht werden. Kine Aussprache und Klar-
stellung von unverstandenem und noch nicht genügend erforschtem herbei-
zuführen, ist hier in diesen Blättern der gegebene Ort, und muß die Wichtigkeit
des Gegenstandes es den hierzu berufenen Chemikern oder Physikern wohl an
das Herz legen, dem Praktiker auf seine Kritik zu antworten, einerlei, ob zu-
stimmend oder widersprechend; beides soll der Seefahrt nützen.
Von diesen Gedanken geleitet, sei es mir gestattet, auf die eingangs
aufgezählten Irrtümer zurückgreifend, zur Richtigstellung hier noch einiges zu
sagen. Die Ansicht, der Druck hoch übereinander lagernder Kohlenmassen
erzeuge Wärme und veranlasse die Selbstentzündung oder sei doch deren
Hauptursache, findet vielen Anklang, besonders seitdem die Statistik feststellte,
daß mit der Schiffsgröße und der Raumtiefe auch die Entzündungsgefahr zu-
nehme.!) Dieser Irrtum ist leichter bestritten als widerlegt, denn um nicht
selbst den Fehler zu begehen, den man dem Gegner vorhält, nämlich‘ An-
schauungen durch willkürliche Annahmen zu beweisen, muß auf die Physik, also
auf das, was schon erwiesen ist und unbedingt feststeht, zurückgegriffen werden.
Eine relativ ruhende Masse erzeugt an sich keine Wärme; letztere ent-
steht nur, wenn in jener oder an ihr Arbeit geleistet wird.
Zwar. geht die Richtigkeit dieses Satzes unmittelbar ‚hervor aus dem
Grundsatz der modernen Naturwissenschaft von der Erhaltung der Energie oder
deren Umwandlung aus potentieller in kinetische Energie, was durch die ver-
schiedensten Forscher und Experimente genügend klargestellt wurde, so zwar,
daß sich daraufhin eine Theorie gründen konnte, die alle einschlägigen Er-
scheinungen genügend erklärt, Weiten Kreisen fehlt aber gerade die Kenntnis
hiervon, daher mögen dies einige einfache Beispiele für den vorliegenden Fall
passend erläutern. Wer eingehender orientiert sein will, schlage in dem all-
bekannten „Lehrbuch der Physik“ von „Müller & Panillet“ nach, Braunschweig
1898, viertes Buch: „von: der Wärme“, S. 479: „Entstehung der Wärme durch
Stoß und. Reibung“, S. 485: „Entstehung der Wärme durch Kompression.“
Die Wärme muß als Energie und zwar im besonderen als kinetische
Energie aufgefaßt werden. Wenn man sagt, Wärme entstände auch durch
Strahlung, so ist das ein unrichtig gewählter Ausdruck, denn Wärme wird nur
durch Strahlung übertragen, nicht erzeugt. Unter Wärme stellt. man sich
Schwingung der kleinsten Teilchen innerhalb der Körper vor, die sich ebenso
wie die Wellenbewegung fortpflanzt und mit der Lichtbewegung identisch ist,
(Undulationstheorie). Nach unserer geltenden Auffassung‘ begreifen wir nur zwei
Formen der Wärmeentstehung, nämlich durch chemische Reaktionen und durch
mechanische Arbeitswirkung, also z. B. Stoß, Reibung und Kompression. Kine
andere Wärmeentstehung ist uns dem Wesen nach ‚auf unserer Erde vorläufig
unbekannt, denn elektrische Wärmeentwickelung ist ebenfalls auf Bewegung
zurückzuführen. Letztere kommt bei der Kohlenselbstentzündung außerdem nicht
in Frage. Also: Wenn Wärme in einem Körper oder in einer Körper-
masse.entstehen soll, so ist dazu entweder eine chemische Reaktion
oder Arbeit erforderlich. Arbeit aber kann nur geleistet werden, wenn
gegeben sind ‚Kraft und Weg. Fehlt einer dieser Faktoren bei einem Vorgang
im Stoff, der uns umgibt, so entsteht erfahrungsgemäß keine Arbeit und infolge-
dessen. keine Wärme. Legen wir z. B. einen schweren Schmiedehammer auf
einen Amboß, der mit einem Thermometer so verbunden ist, daß auf ihm er-
zeugte Wärme gemessen werden kann, so zeigt sich auf die Dauer keine Tem-
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ıy Vgl. „Marine-Rundschau“ 1897, Heft 11, Seite 1028: „Die Gefährlichkeit von Kohlen-
frachten.“ Hiernach stellte eine Königliche englische Kommission für Neu-Südwales fest: „Auch die
Tiefe der Kohlenladung ist von Einfluß (bei der Selbstentzündung). Versuche haben ergeben, daß
nei Tiefen von 6m an große Vorsicht erforderlich ist. Beinahe 3/4 der Kohlenfrachten von New-
castle (Neu-Südwales) nach Südamerika wird durch Schiffe von über 2000 Tonnen bewirkt und viele
haben mehr wie 4000 Tonnen Ladung. Der Beweis, daß die größere und tiefere Ladung auch eine
größere Gefahr in sich schließt, ist in auffälliger Weise erbracht. Solange die Ladung nicht größer
ist wie-2500 Tonnen, beträgt die Erhöhung der Temperatur nicht mehr wie 0,22 Prozent, bei 3000
bis 3500 Tonnen ist sie 3 Prozent, und bei mehr wie 3500 Tonnen 41/2 Prozent. Es wird dies
hervorgebracht durch die größere Tiefe der Laderäume auf großen Schiffen und dadurch, daß die
Kohle beim Hinunterstürzen in die größere Tiefe mehr zerkleinert wird, als auf kleineren Schiffen.“
(Aus „Engineering“.}