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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 31 (1903)

v. Schrötter, A.: Die Gefahren der Kohleuladungen. : 
hinzuweisen, die bei der Realisierung einer aus der Theorie richtig hergeleiteten 
Idee gemacht worden sind und gemacht werden. Kine Aussprache und Klar- 
stellung von unverstandenem und noch nicht genügend erforschtem herbei- 
zuführen, ist hier in diesen Blättern der gegebene Ort, und muß die Wichtigkeit 
des Gegenstandes es den hierzu berufenen Chemikern oder Physikern wohl an 
das Herz legen, dem Praktiker auf seine Kritik zu antworten, einerlei, ob zu- 
stimmend oder widersprechend; beides soll der Seefahrt nützen. 
Von diesen Gedanken geleitet, sei es mir gestattet, auf die eingangs 
aufgezählten Irrtümer zurückgreifend, zur Richtigstellung hier noch einiges zu 
sagen. Die Ansicht, der Druck hoch übereinander lagernder Kohlenmassen 
erzeuge Wärme und veranlasse die Selbstentzündung oder sei doch deren 
Hauptursache, findet vielen Anklang, besonders seitdem die Statistik feststellte, 
daß mit der Schiffsgröße und der Raumtiefe auch die Entzündungsgefahr zu- 
nehme.!) Dieser Irrtum ist leichter bestritten als widerlegt, denn um nicht 
selbst den Fehler zu begehen, den man dem Gegner vorhält, nämlich‘ An- 
schauungen durch willkürliche Annahmen zu beweisen, muß auf die Physik, also 
auf das, was schon erwiesen ist und unbedingt feststeht, zurückgegriffen werden. 
Eine relativ ruhende Masse erzeugt an sich keine Wärme; letztere ent- 
steht nur, wenn in jener oder an ihr Arbeit geleistet wird. 
Zwar. geht die Richtigkeit dieses Satzes unmittelbar ‚hervor aus dem 
Grundsatz der modernen Naturwissenschaft von der Erhaltung der Energie oder 
deren Umwandlung aus potentieller in kinetische Energie, was durch die ver- 
schiedensten Forscher und Experimente genügend klargestellt wurde, so zwar, 
daß sich daraufhin eine Theorie gründen konnte, die alle einschlägigen Er- 
scheinungen genügend erklärt, Weiten Kreisen fehlt aber gerade die Kenntnis 
hiervon, daher mögen dies einige einfache Beispiele für den vorliegenden Fall 
passend erläutern. Wer eingehender orientiert sein will, schlage in dem all- 
bekannten „Lehrbuch der Physik“ von „Müller & Panillet“ nach, Braunschweig 
1898, viertes Buch: „von: der Wärme“, S. 479: „Entstehung der Wärme durch 
Stoß und. Reibung“, S. 485: „Entstehung der Wärme durch Kompression.“ 
Die Wärme muß als Energie und zwar im besonderen als kinetische 
Energie aufgefaßt werden. Wenn man sagt, Wärme entstände auch durch 
Strahlung, so ist das ein unrichtig gewählter Ausdruck, denn Wärme wird nur 
durch Strahlung übertragen, nicht erzeugt. Unter Wärme stellt. man sich 
Schwingung der kleinsten Teilchen innerhalb der Körper vor, die sich ebenso 
wie die Wellenbewegung fortpflanzt und mit der Lichtbewegung identisch ist, 
(Undulationstheorie). Nach unserer geltenden Auffassung‘ begreifen wir nur zwei 
Formen der Wärmeentstehung, nämlich durch chemische Reaktionen und durch 
mechanische Arbeitswirkung, also z. B. Stoß, Reibung und Kompression. Kine 
andere Wärmeentstehung ist uns dem Wesen nach ‚auf unserer Erde vorläufig 
unbekannt, denn elektrische Wärmeentwickelung ist ebenfalls auf Bewegung 
zurückzuführen. Letztere kommt bei der Kohlenselbstentzündung außerdem nicht 
in Frage. Also: Wenn Wärme in einem Körper oder in einer Körper- 
masse.entstehen soll, so ist dazu entweder eine chemische Reaktion 
oder Arbeit erforderlich. Arbeit aber kann nur geleistet werden, wenn 
gegeben sind ‚Kraft und Weg. Fehlt einer dieser Faktoren bei einem Vorgang 
im Stoff, der uns umgibt, so entsteht erfahrungsgemäß keine Arbeit und infolge- 
dessen. keine Wärme. Legen wir z. B. einen schweren Schmiedehammer auf 
einen Amboß, der mit einem Thermometer so verbunden ist, daß auf ihm er- 
zeugte Wärme gemessen werden kann, so zeigt sich auf die Dauer keine Tem- 
241 
ıy Vgl. „Marine-Rundschau“ 1897, Heft 11, Seite 1028: „Die Gefährlichkeit von Kohlen- 
frachten.“ Hiernach stellte eine Königliche englische Kommission für Neu-Südwales fest: „Auch die 
Tiefe der Kohlenladung ist von Einfluß (bei der Selbstentzündung). Versuche haben ergeben, daß 
nei Tiefen von 6m an große Vorsicht erforderlich ist. Beinahe 3/4 der Kohlenfrachten von New- 
castle (Neu-Südwales) nach Südamerika wird durch Schiffe von über 2000 Tonnen bewirkt und viele 
haben mehr wie 4000 Tonnen Ladung. Der Beweis, daß die größere und tiefere Ladung auch eine 
größere Gefahr in sich schließt, ist in auffälliger Weise erbracht. Solange die Ladung nicht größer 
ist wie-2500 Tonnen, beträgt die Erhöhung der Temperatur nicht mehr wie 0,22 Prozent, bei 3000 
bis 3500 Tonnen ist sie 3 Prozent, und bei mehr wie 3500 Tonnen 41/2 Prozent. Es wird dies 
hervorgebracht durch die größere Tiefe der Laderäume auf großen Schiffen und dadurch, daß die 
Kohle beim Hinunterstürzen in die größere Tiefe mehr zerkleinert wird, als auf kleineren Schiffen.“ 
(Aus „Engineering“.}
	        
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