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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 31 (1903)

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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juni 1903, 
N. Die Selbstentzündung der Kohlenladungen. 
Die ersten systematisch und wissenschaftlich angestellten Versuche zur 
Erklärung der Selbstentzündung verschiedenartiger Stoffe datieren aus dem 
Jahre 1781. Auf der russischen Fregatte „Maria“ hatte sich in der Kajüte eine 
alte Hängematte, in der man angerührte schwarze Farbe zum Außenbordmalen 
aufbewahrte, von selbst entzündet. Die Kaiserin Katharina II. befahl ihrem 
kommandierenden Admiral, Grafen Iwan Tschernischew, keine Untersuchungen 
durch Gerichte mit der Mannschaft der Fregatte, sondern mit in Segeltuch ein- 
gewickeltem Leinöl und Kienruß Versuche anzustellen. Die Versuche bestätigten 
die Vermutung der Kaiserin. Darauf folgten noch weitere Experimente des 
russischen Professors Georgi, welche dasselbe Resultat lieferten. Die Masse 
and das Segeltuch entzündeten sich von selbst.*) Die klare Erkenntnis des 
eigentlichen Hergangs bei der Selbstentzündung geölter, poröser Stoffe und hoch 
aufgeschaufelter Kohlenmassen haben uns aber erst die neuesten Versuche von 
Kifsling, Richters u. a. gebracht. Die Selbstentzündung von Kohlenmassen 
leitet sich ebenso ein, wie jede andere langsame Oxydation. Der Sauerstoff der 
Luft wird von den mechanisch fein zerriebenen Staubteilchen mit großer Energie 
angezogen, durch Adhäsion angehäuft und verdichtet, wodurch die erste Tem- 
peraturerhöhung in der Masse entsteht, die wegen der schlechten Wärmeleitung 
3owohl der Kohlen als der nunmehr mit ihnen zusammengepreßten Luft nicht 
durch Strahlung oder Oberflächenabkühlung entweichen kann. Je größer die 
Angriffsfläche für den Sauerstoff ist, je kleiner also die Partikelchen der Kohlen 
zerrieben sind, desto schneller und intensiver wird die Oxydation vor sich gehen; 
denn bekanntlich begünstigt die Temperaturzunahme die Oxydation und durch 
letztere wird wiederum Wärme erzeugt. Da diese, wie schon gesagt, nicht ent- 
weichen kann, muß eine sich stätig steigernde Wechselwirkung entstehen, die 
zchließlich zum Glühen der Kohlen führt. Daß diese Theorie die richtige ist, 
beweist die Praxis unwiderleglich; immer begann der Brand unter, noch häufiger 
neben den Füllluken, wo die meisten Grusmassen durch das Hineinstürzen und 
Überhintrimmen nach den Schiffsenden sich bilden mußten, niemals an den 
Schiffsenden selbst, wo nur Stücke hingelangen. 
Dem Schwefelkies*) wird noch zu viel Einfluß bei der Selbstentzündung 
beigemessen, obgleich die neuere Chemie den Irrtum Liebigs bereits länger 
erkannt hat, welcher die Selbstentzündung lediglich der Zersetzung des 
Schwefeleisens zuschrieb, und nur dessen Autorität vermochte die wahre Er- 
kenntnis so lange aufzuhalten. Dr. E.Börnstein und Dr. A. Salomon, selbst 
Autoritäten, lassen E. Richters?) die Ergebnisse seiner Forschungen über die 
Verwitterung (in der Hauptsache ja auch eine Oxydation) in fünf Sätzen aus- 
sprechen. Zu 5 heißt es dann: 
„Für die Erklärung der Abnahme des Brennwertes, des Verkokungswertes 
(bezüglich der Quantität), der Backfähigkeit und des Vergasungswertes, welche 
lie Kohlen durch die Verwitterung erleiden, bedarf es nicht der von mehreren 
Seiten unterstellten Annahme einer »neuen Gruppierung der Atome«, Vielmehr 
erklären sich die angedeuteten Verschlechterungen hinreichend aus der absoluten 
und relativen Abnahme des Kohlenstoffes und Wasserstoffes und der absoluten 
Zunahme des Sauerstoffes, die infolge der Verwitterung eintritt. 
In innigem Zusammenhange mit diesen Erscheinungen stehen die wieder- 
holt beobachteten Fälle der Selbstentzündungen von Kohlen, die besonders den 
damit beladenen Schiffen verderblich geworden sind. Man hat früher die Er- 
scheinung auf die Oxydation des enthaltenen Schwefelkieses und die damit ver- 
bundene Erhitzung zurückführen zu müssen geglaubt, was aber wegen der geringen 
4) Vgl. „Die Selbstentzündung von Heu, Steinkohlen und geölten Stoffen“ von Professor 
Dr. Medem, Landgerichtsrat. Neue Folge der Schrift: „Die Selbstentzündung von Hen und Stein- 
kohlen“, 2. Auflage 1895. Greifswald. Julius Abel, 1898. 
2) Schwefelkies, Pyrit oder Eisenkies — Eisendisulfid, Fe Sz, reguläre größere Krystalle, 
bellgelb, glänzend, goldgelb, oder in kleinen krystallinischen dichten Massen, grau, gelblich schimmernd. 
Verwittert an der Luft durch Oxydation unter Bildung von Ferrosulfat und Schwefelsäure. Das 
Markarit, Fe So, Eisendisulfid, eine Abart des Eisenkies, aber von geringerem spezifischem Gewicht 
‘4,6 bis 4,8, dagegen Schwefeleisen 4,9 bis 5,2) verwittert noch leichter als Schwefeleisen, Wegen 
der grauen Farbe in den Kohlen unkenntlich. 
8) Vgl. 0. Dammer: „Chemische Technologie“, Band IV, Stuttgart 1898, S. 61,
	        
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