Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Mai 1903.
Vergleicht man die Lage der mittleren Treibeisgrenze, wie sie aus
dem Durchschnitt vieler Jahre abgeleitet ist, mit der Lage der diesjährigen,
so ergibt sich, dafs das Gros des Eises in diesem Frühjahr reichlich
1 Breitengrad südlicher liegt, in einzelnen Bergen nahezu 1% Breiten-
grade südlicher vorgedrungen ist, als gewöhnlich der Fall ist. Dazu
kommt als weiterer gefährlicher Umstand das auffällig massenhafte Auf-
treten. Einzelne Dampfer sind tagelang durch Eisfelder und an Kisbergen
vorbei gefahren; häufig sind „unabsehbare, nach Norden sich erstreckende KEis-
felder“ gemeldet.
Was die Gröfse der Eisberge betrifft, so schwanken die Angaben
zwischen ganz kleinen Eisbrocken und der Dimension 100 m Höhe bei 600 m
Länge; diese letzteren, nur von einem Schiffe gegebenen Werte sind, zumal
was die Höhe anlangt, wohl mit einem kleinen Fragezeichen zu versehen; denn
man überschätzt bekanntlich leicht sowohl den Abstand von einem Objekte wie
seine Höhe, und Höhen von 60m sind selbst für die antarktischen Eisberg-
riesen ein mittleres Maximalmafs, Häufig werden für die diesjährigen Neufundland-
Eisberge Höhen von 40 bis 100 Fuß, also von rund 15 bis 35 m angegeben.
Mehrere Dampfer sind vom Eise förmlich besetzt worden, auch einige
Kollisionen sind vorgekommen, doch liegen über ernste Beschädigungen oder
Verluste glücklicherweise bis heute keine Nachrichten vor. Die transatlantische
Dampfschiffahrt hat aus dem ungewöhnlichen Ereignis in anerkennenswerter
Schnelligkeit die notwendigen Folgerungen gezogen, und die grofsen, an feste
Wege gebundenen Schiffahrtsgesellschaften haben sich entschlossen, bis auf
weiteres die New Yorker Wege südlicher zu legen, und, wie die Tageszeitungen
schon berichteten, folgende, auch in der Tafel 10 eingezeichnete Schnittpunkte
ansteuern zu lassen:
auf Ausreisen nach Amerika . . . 41° N-Br. in 47° W-Lg.
auf Rückreisen nach Europa . . . 40°10' „ „47° „
Diese Verlegung nach Süden dürfte den jetzigen und wohl auch den
noch zu erwartenden KEisverhältnissen vollkommen entsprechen; es ist dabei
aber noch ein zweiter, sehr wesentlicher Vorteil erreicht, dals die Schiffe
zugleich erheblich länger in dem warmen Wasser bleiben und daher die
Nebelgefahr auf diesen Wegen ganz ungemein viel geringer ist als
einen Breitengrad weiter nördlich. Die Seewarte fügt hinzu,!) dafs vom Norden
Schottlands kommende Dampfer südlicher als sonst steuern und die vereinbarten
Wege bereits in 42° W-Lg. erreichen sollten; auf der Rückreise nach dem
Norden Schottlands sollten sie erst in 42° W-Lg. von den vereinbarten Wegen
nach Nordosten abbiegen.
Eine Fortsetzung dieses Artikels wird voraussichtlich erst dann folgen,
wenn gegen Sommer hin das Eis sich wieder zurückgezogen hat, und sich die
Erscheinung in ihrem gesamten Verlauf von Anfang bis zu Ende überblicken
läfst; dann wird es auch an der Zeit sein, einige spezielle Fragen zu unter-
suchen, z. B. die Frage, ob durch die grofse Eistrift die normalen, für die ver-
schiedenen Teile der Neufundland-Gewässer gültigen Temperaturen des Wassers
and der Luft nachweisbare Anderungen erlitten haben oder nicht, u. a. m.
Jedenfalls fehlt zurzeit noch für die öfters ausgesprochene Behauptung, dal die
grofsen Eismassen die Schuld an den üblen Witterungsverhältnissen des April
in Mitteleuropa trügen, der tatsächliche Nachweis und die sachliche Begründung.
Das Eis war schon seit Anfang Februar, wie hier beschrieben ist, in grofsen
Mengen da, ohne dafs die Witterung des Februar oder März in auffälliger Weise
beeinflufst erscheint, andererseits dürfte das Eis noch lange Zeit, voraussichtlich
bis in den Juni hin, sich halten, so dafs nach jener Behauptung bis in den
Sommer nachteilige Wirkungen auf die Witterung in Europa zu befürchten
wären, was indessen wohl nicht der Fall sein wird.
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‘) Man vgl. auch die soeben herausgegebene „Monatskarte für den Nordatlantischen
Ozean“, Mai.