186 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Mai 1903.
Reisen im Einzelfalle zeigte und die Kapitäne dazu brachte, mit richtigem Urteil
über die jeweilige Wetterlage den nutzbringendsten Kurs einzuschlagen. Wir
wollen z. B. nur erinnern an seine von aufserordentlichem Erfolge gekrönten,
von Maurys Anschauungen abweichenden Vorschriften über die Art der Aus-
führung der Segelschiffsreisen um das Kap Horn in westlicher Richtung, an
seine klaren Darlegungen über die Ausnützung bestimmter Wetterlagen zwischen
den Azoren und der Iberischen Halbinsel zum Vorwärtskommen nach Süden bei
Reisen vom Kanal nach der Linie, und an viele andere, stets von voller Be-
herrschung des Stoffes zeugenden Segelanweisungen,
Es ist bei verschiedenen Anlässen und von verschiedenen auch von
aufserhalb der Seewarte stehenden Persönlichkeiten darauf hingewiesen worden,
welche ganz bedeutenden Abkürzungen in der durchschnittlichen Dauer fast
aller Seglerreisen in den letzten Jahrzehnten eingetreten sind; sie beziffern
sich z. B. für die Fahrten nach den Reishäfen, nach den Salpeterhäfen‘ nicht auf
Tage, sondern auf Wochen. Was hierdurch in nationalökonomischer Hinsicht
gespart wird, welchen Nutzen Handel und Wandel nicht nur durch diese Ab-
kürzung, sondern auch durch eine zweifellos vermehrte Sicherheit der Reisen
gehabt hat und noch hat, das braucht nicht ausgeführt zu werden. Es ist
selbstverständlich dabei nicht zu übersehen, dafs ein sehr grofser Anteil an
diesen Fortschritten auch der verbesserten Schiffsbeschaffenheit und den einsichts-
vollen deutschen Schiffsführern als solchen zufällt; aber einen Anteil darf sich
sicherlich auch die Seewarte anrechnen, und es soll Dinklage unvergessen bleiben,
dafs er in diesen Segelanweisungen Grundlegendes geleistet hat, und es ist um
so mehr Pflicht, dies zu betonen, als diese Anweisungen, obschon sein geistiges
Eigentum, nicht unter seinem Namen veröffentlicht sind, da sie amtlicher
Tätigkeit entstammen.
Mehr als 700 nur handschriftlich vorhandene Anweisungen an Segelschiffs-
kapitäne hat Dinklage aufßserdem noch auf besondere Anfragen gegeben, wie
denn überhaupt durch den Hinweis auf die gedruckten Handbücher und Aufsätze
der ganze Umfang seiner Tätigkeit in manchen, zum Teil gerade sehr wert-
vollen Beziehungen keineswegs erschöpfend skizziert ist.
Kapitän Dinklage war in seiner Eigenschaft als Beamter zweifellos eine
eigenartige Persönlichkeit. In den letzten Jahren ziemlich wortkarg, bis zu einem
gewissen Grade fast verschlossen, Fremde und Fremdes oft ablehnend, bemühte
er sich selten, die Richtigkeit seiner Meinung jemandem darzutun: wenn die Sache
nicht selbst dem anderen als zutreffend einleuchtete, so hielt er nähere Auseinander-
setzung meist für überflüssig. Dinklage ging weder Personen nach, selbst wenn
er damit vielleicht einen Vorteil für die Anstalt hätte erreichen können — für
sich selbst begehrte er erst recht nichts —, noch suchte er neue Arbeitsgebiete
seinem Kinflusse zu eröffnen und zu unterwerfen; hierin lag: wohl ein gewisser
Mangel, denn die gerade in den letzten‘ 20 Jahren nahezu vollkommen ver-
änderten Schiffahrtsverhältnisse, welche eine unbestrittene Vorherrschaft der
Dampferfahrt zum Endergebnis gehabt haben, brachten ihn nur in seltenen
Fällen dazu, freudigen Herzens sein reiches Wissen und sein gereiftes Urteil dem
Nutzen und Frommen auch der Dampferreisen zur Verfügung zu stellen. Es darf
dies ruhig ausgesprochen werden; seine Verdienste vertragen leicht diese Be-
merkung. Dinklages zurückhaltendes Wesen war verbunden mit einem treffenden
Blick für das Wesentliche einer Sache; er erschöpfte sich nicht, wie so manche
moderne Persönlichkeit, in extensiver Tätigkeit oder im geschäftigen Betriebe
von Aufserlichkeiten, er ging vielmehr immer nur auf die Sache selbst. Allem
äufseren Schein war er gänzlich abhold, er hatte auch keinen Sinn für die
Imponderabilien des Lebens, die zumal heutzutage von Ehrgeizigen oft als
Sprungbrett auf der Stufenleiter einer glänzenden Laufbahn ausgenützt werden;
er war eine gerade, deutsche Seemannsnatur, ein pflichttreuer Beamter. —
Weiteren Kreisen bekannt geworden ist Dinklage wohl hauptsächlich
durch die zahlreichen, seit 1888 meist mit Namensnennung veröffentlichten Auf-
sätze in den Spalten dieser Zeitschrift. Diese Arbeiten haben, wenngleich sie
ebenfalls in erster Linie für die Seefahrt bestimmt waren, doch auch weitgehende
Beachtung und in nahezu allen Fällen rückhaltlose Zustimmung in den Kreisen
der Meteorologen und Ozeanographen gefunden, da die Quintessenz entweder
seiner langjährigen eigenen praktischen Anschauungen von See oder das Er-