Wislicenus, G.: Betrachtungen über Inhalt und’ Form von Küstenhandbüchern. 105
Betrachtungen über Inhalt und‘ Form von. Küstenhandbüchern.
Von Kaptlt. a. D. Georg Wislieenus, Abteilungsvorstand der Deutschen Seewarte.
Die deutsche Küstenbeschreibung steht vor einem Wendepunkte in ihrer
Entwickelung; sie wird voraussichtlich künftig in gröfserem Umfange als‘ bisher
durchgeführt werden können und wird erst damit die dringenden Bedürfnisse
der deutschen Seefahrer nach deutschen Küstenhandbüchern- schneller als bisher
befriedigen können... Da scheintes wohl zweckmälsig zu sein, auf die bisherigen
Arbeiten dieser Art in Deutschland und im Auslande zurückzublicken, um Er-
fahrungen‘ für die zukünftigen Arbeiten zu sammeln. .
‘Die deutschen. Beschreibungen fremder Küstengewässer aufserhalb der
Ost- und Nordsee wurden auf der deutschen Seewarte im Jahre 1892 begonnen;
da es.zunächst am deutschen Berichten über fremde Häfen und Küstengewässer
sehr fehlte, waren die ersten ‘herausgegebenen Handbücher zur Hauptsache
Übersetzungen aus der fremdländischen nautischen Literatur, in die nur hin
und wieder Berichte deutscher Kriegs- und Handelsschiffe oder auch deutscher
Konsulate eingeflochten werden konnten.: Erst allmählich, und zwar besonders
durch die im Jahre 1897 ins Leben gerufenen Fragebogen der deutschen See-
warte über fremde Seehäfen, gelang es, wenigstens über die wichtigeren See-
häfen‘ der Erde so. viele eigene deutsche Berichte zu sammeln, dafs auch die
Küstenhandbücher wesentlich unabhängiger von den fremdländischen Küsten-
beschreibungen wurden. Immerhin werden aber noch auf Jahrzehnte hinaus alle
fremdländischen Arbeiten auf diesem Gebiete für die Bearbeitung der deutschen
Küstenhandbücher unentbehrlich bleiben. Nur darf es sich künftig noch viel
weniger als früher ‚etwa nur um eine gedankenlose Übersetzung der fremd-
ländischen Küstenbeschreibung handeln, einmal weil die deutschen Bücher den
Verhältnissen und Bedürfnissen der deutschen Schiffahrt unmittelbar angepafst
sein müssen und zweitens, weil bei der Bearbeitung immer das Bestreben darauf
gerichtet sein muß, unter Zuhilfenahme aller verfügbaren Quellen ganz be-
trächtlich Besseres,. nämlich Zuverlässigeres, Vollständigeres und UÜbersicht-
licheres zu liefern, als jede einzelne der benutzten fremdländischen Quellen auf-
zuweisen jmstande ist.
Wenn man, wie Verfasser dieses, seit März 1892, also seit mehr als elf
Jahren; lediglich -und: ununterbrochen auf dem‘: Arbeitsgebiete der . Küsten-
beschreibungen tätig gewesen ist und während. dieser Zeit eine ganze Reihe von
Küstenhandbüchern teils. selbst bearbeitet, teils mit herausgegeben hat, so hat
man auch genügende Gelegenheit gefunden, eine ganze Reihe teils sozusagen
handwerksmäfsige, teils auch andere besondere Erfahrungen zu sammeln. Wer
ein‘ fertiges Buch in die Hand nimmt, aber selbst noch keins geschaffen hat,
unterschätzt meistens die Schwierigkeiten, die mit der Ausarbeitung und Her-
stellung: des Werkes verknüpft sind. Dagegen lehrt eigene ‚Arbeit auch .den
Wert anderer Arbeiten gebührend schätzen; erst bei der Verarbeitung der
deutschen und fremden Berichte zu eigenen, deutschen Küstenbeschreibungen
ist man imstande, allmählich ein zutreffendes Urteil über die Zweckmäfigkeit in
der.‘Darstellungsweise der fremden und der eigenen Arbeiten zu gewinnen. Im
Nachfolgenden soll‘ versucht werden, einige Grundzüge aufzuzeichnen, die sich
nach diesseitiger Erfahrung aus den Arbeitsleistungen des verflossenen Jahrzehntes
voraussichtlich zum Nutzen für die künftige Entwickelung dieses Arbeitsgebietes
ableiten lassen. - .
Zweck der Küstenhandbücher. Jede Küstenbeschreibung soll nur eine
Ergänzuug und. Erläuterung, aber -kein Ersatz der Seekarten sein, Deshalb
sollte möglichst wenig von alledem beschrieben werden, was schon unmittelbar
aus der Karte zu erkennen ist. Dagegen sollten. soviel wie möglich für die
Schiffsführung dienliche Angaben verschiedenster Art aufgenommen werden, die
nicht aus der Karte zu ersehen, die aber doch für das Anlaufen eines fremden
Hafens wichtig sind. Gegen diesen Grundsatz wird noch viel verstofsen; in
manchen‘ fremdländischen Handbüchern findet man. noch vielerlei Ballast, der
offenbar daher stammt, dafs allerlei Notizen, die bei der Küstenaufnahme
Ann. d. Hydr. etc, 1908, Heft III.