Rasche Reisen deutscher Segler.
Von IL, E, Dinklage,
Es sind bereits neun Jahre verflossen, seit in diesen Annalen!) ein
Bericht über ungewöhnlich kurze Reisen, welche Mitarbeiter der Seewarte auf
Seglern gemacht hatten, gegeben wurde, Es ist deshalb wohl an der Zeit, hier
eine Fortsetzung folgen zu lassen. Da es zu weit geführt hätte, die Bericht-
erstattung bis auf 1893 zurückzuführen, über manche Reisen, z. B. die der
Fünfmastbark „Potosi“ und die verschiedener Schiffe auf der Route von Süd-
afrika nach Chile, schon an anderen Stellen der Annalen geschrieben worden
ist, so sind hier nur die seit 1898 ausgeführten Reisen in Betracht gezogen.
Zur Einleitung können wir nur wiederholen, was früher gesagt worden ist:
Es unterliegt keinem Zweifel, dafs die Ausführung schneller Seglerfahrten. zum
guten Theil an das Antreffen günstiger Umstände von Wind und Wetter ge-
bunden ist; aber wir sind der Meinung, dafs es keineswegs der bloße Zufall
und das Glück sind, die ein Segelschiff rasch über See bringen. Es gehört dazu
neben der guten Segelfähigkeit des Fahrzeuges auch eine verständige, energische
und zugleich vorsichtige Schiffsführung, welche immer den besten Weg zu
finden und alle angetroffenen Wind- und Wetterumstände richtig zu behandeln
weifs und ohne unkluge Gefährdung des Takelwerkes jeden halbwegs günstigen
Wind zum Vollen ausnutzt. Die raschen Seglerreisen sind hervorragende
Leistungen der Schiffe und der Führer, und als solche sie betrachtend, halten
wir “angezeigt, über dieselben an dieser Stelle zu berichten.‘ Die Seewarte
kann es nur mit Genugthuung erfüllen, wenn ihre Mitarbeiter auf See solche
Erfolge erzielen.
1. . Fahrten im Nordatlantischen Ozean.
S. 5028,?) Als erste in der Reihe der hier beschriebenen raschen Reisen
steht die ausgezeichnete und nur selten um ein Geringes übertroffene Fahrt
von Ost nach West der stählernen Viermastbark „Christine“, Kapt. F, Warneke.
Von Barrow kommend und nach Philadelphia. bestimmt, um dort für Hiogo,
Japan, zu laden, stand der Viermaster am 26, Februar 1898 auf der Höhe der
Scilly-Inseln, wo die atlantische Fahrt begann. Nach einem Tage mit west-
lichem Winde, bei welchem südlich gehalten wurde, konnte mit Winden aus
Nord, NW und NO ein westlicherer Kurs eingehalten werden, der das Schiff
zum 6. März nach 41,4° N-Br und 34° W-Lg führte. Der Wind war an Stärke
veränderlich, vom 3. zum 4. so stark, dafs er dem Schiffe 12 bis 13 Knoten
Fahrt gab. Abwechselnde Winde von der südlichen und der nördlichen Seite
lielsen das Schiff, welches die Route südlich vom Golfstrome einschlug, schnell
Fortschreiten, so dafs Etmale von 249, 247, 234 und 239 Sm gemacht werden
konnten, Am 18. März um 7/2" a wurde Kap Henlopen passirt nach einer sehr
raschen Reise ab Secilly - Inseln von beinahe 20 Tagen. Kapt. Warneke be-
merkt: „Dies war eine schöne Reise obne nennenswerthen Sturm. Durch
meine. Wahl einer südlichen Route — »Christine« ging in 52° W-Lg bis
35,5° N-Br -— bin ich vielleicht Manchem, als Stürmen, Nebel, westlichen
Winden, die auf der nördlichen Route doch mehr vorherrschend sind, aus dem
Wege gegangen. Das amerikanische Schiff »A. G. Ropes«, welches von Liverpool
die Reise fünf Tage nach uns antrat, hat uns noch vier Tage abgewonnen.
Dies hat es dadurch erreicht, dafs ‚es bei der Abfahrt den Wind so traf, dafs
es gleich den direkten Weg einschlagen konnte, während wir einen grofsen
Bogen. vor der. Bucht von Biscaya machen mufsten, da der Wind anfangs zu
i) XXI. Jahrgang, Heft V, Seite 169 bis 178, und Heft VI, Seite 223 bis 283. ;
*) Die Zahl S. 5028 bedeutet die Nummer des Segelschiffsjournals im Archiv der Seewarte.