434 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, September 1902.
angenommenen Werthen zurück; der Werth von 36 °%o, welcher nach den
Karten schon auf der Höhe von Kap Finisterre erreicht werden soll, wurde
erst im Südwesten der Azoren auf rund 35° N-Br. angetroffen, die Isohaline
von 37 %o war auf dem Kurse der „Croatia“, d. h. einem gröfsten Kreise
zwischen San Miguel und St. Thomas, überhaupt nicht nachweisbar, und das
Maximum für die Ausreise betrug nur 36,85 bis 36,86 °/oo unter etwa 25° bis
23° N-Br., 54° bis 57° W-Lg., für die Heimreise ebensoviel unter 30° N-Br.,
61° W-Lg. Ich möchte glauben, dafs einerseits diese im Frühjahr (April) beob-
achtete geringe Herabsetzung des Salzgehaltes ‚in den mittleren Breiten des
Ozeans eine thatsächliche, infolge der jährlichen Schwankung eintretende Ab-
weichung ist, dafs andererseits nach der Sargasso-See zu die Maximalzone des
Salzgebaltes mit über 37 °/oo meist nicht so weit westwärts reicht, als bisher
aus Mangel an Beobachtungen in dem Felde 20° bis 30° N-Br , 50° bis 60° W-Lg.
angenommen wurde.
Man übersehe ferner nicht, wie deutlich auf der Rücktour von Haiti
nach Havre nahe dem Golfstromgebiet oder vielmehr an dessen rechter Kante
die allerdings sehr mäfsigen Temperatursprünge mit entsprechenden Salzgehalts-
sprüngen verknüpft erschienen. Als am 29. Mai in 37° N-Br., 51° W-Lg. die
Wasserwärme trotz des ständig verfolgten nördlichen Kurses gegenüber dem
Vortage um 0,3° gestiegen war, hatte auch der Salzgehalt um 0,15 °%o zu-
genommen; zugleich hatte das Wasser an Stelle der stark nach grün neigenden
Farbe vom 28, wieder eine merklich blauere Farbe angenommen, kurzum, man
konnte mit grofser Sicherheit eine Abzweigung des Golfstromwassers für den
29, konstatiren. Für den 28. und 30. (nachm.) dagegen konnte man ebenso
sicher auf die Beimengung von hohen Breiten gekommener Wassermengen
schliefsen, die vielleicht aus der Labrador-Strömung stammten, zumal es
charakteristisch war, wie das Sargassum am 28. zugleich mit dem Auftreten des
kühleren, grünen und relativ salzarmen Wassers gänzlich verschwunden war.
Diese Ausführungen mögen von Neuem zeigen, wie verhältnifsmäfsig
leicht es ist, an der Hand nur einiger weniger ozeanographischen
Faktoren ein Urtheil über die Herkunft einer Wasserart zu gewinnen.
Am meisten interessiren uns hier die in den eigentlichen westindischen
Gewässern beobachteten Salzgehalte. Zwar war es mir nur möglich, einen
kleinen Theil des Karaibischen Meeres zu befahren, doch ist der östliche Theil
nördlich von der venezolanischen Küste und westlich von den Kleinen Antillen
entschieden der wichtigste in dem Falle, wenn man entscheiden soll, in welchem
Verhältnifs das Wasser der Karaibischen See zu dem Wasser des offenen tropischen
Ozeans steht. Das Ergebnifs hat mich überrascht. Läfst man die schon be-
sprochenen und erklärten Messungen am 11. Mai aufser Acht, so blieb auf
meinen Reisewegen der Salzgehalt überall noch etwas unter 36 °/0o, schlofs
sich also ganz den Werthen der Concentration an, welche man auch aufserhalb
der Kleinen Antillen, und zwar im Osten derselben, im offenen Ozean findet.!)
Bine irgendwie abnorme Erhöhung des Salzgehaltes, welche man bisher nach
den Angaben Lindenkohls?) annehmen mufste und wodurch dem Karaibischen
Meere eine Art Sonderstellung, etwa wie dem europäischen Mittelmeere, in
ozeanographischer Hinsicht zukommen würde, fehlt durchaus, und es erscheint mir
zweifellos, dafs der Salzgehalt um so mehr abnimmt, je weiter nach Westen im
Karaibischen Meere man kommt, bis er im Golfe von Mexico mit dem Mississippi-
Zuflufs ein Minimum erreichen dürfte.
Sehr unähnlich dem europäischen Mittelmeere ist das Karaibische Meer
auch hinsichtlich der Wasserfarbe. Während die tiefblaue Färbung des
europäischen Mittelmeeres von jeher bekannt und gerühmt worden ist, kommt
dem westindischen Mittelmeere, wenigstens so weit ich es befahren habe, eine
ganz auffällige grünliche Mifsfärbung zu; von Blau ist vielfach kaum eine Spur
vorhanden, das Wasser ist undurchsichtig schwarzgräu oder schwarzgrün, und
Farbennuancen, welche in unserer Nordsee auftreten (15 bis 20 % gelb), kommen
1) Vgl. „Valdivia“-Werk, I. Band. Atlas, Taf, XXXIIIL Der auf dieser Karte für das
östliche Karaibische Meer angegebene Farbenton 36,0 bis 36,8 ist also zu tilgen.
23 Peterm. „Geogr. Mittheil,“, 1896, S. 25, u. Tafı 3.