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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 30 (1902)

Schott, G.: Ozeanograph, Beobachtungen während einer Reise nach den westindischen Gewässern. 433 
Der Inhalt dieser Zahlenreihen giebt Anlafs zu den folgenden Bemerkungen, 
welche naturgemäfs unter mehrfachem Hinweis und Anschlufs an die jüngste 
ozeanographische, auch den Nordatlantischen Ozean betreffende Specialarbeit er- 
folgen, nämlich die Bearbeitung der wissenschaftlichen Resultate der „Valdivia“- 
Expedition. *) 
Was die Temperatur des Oberflächenwassers anbelangt, so ist die 
Thatsache — obschon als solche längst bekannt — doch von Neuem der be- 
sonderen Erwähnung werth, dafs in einem Binnenmeere. oder Randmeere, wie 
z. B. der Nordsee, die Wärmezunahme vom Frühjahr zum Sommer unvergleichlich 
schneller vor sich. geht und auch gröfser ist als im freien Ozean. Als die 
„Croatia“ in den ersten Apriltagen die Nordsee durchfuhr, lag die Wasser- 
temperatur etwa zwischen 3° und 6°; als wir nach rund 70 Tagen in der ersten 
Hälfte Juni wiederum in. der Nordsee waren, betrug die Wassertemperatur schon 
12 bis 13°, hatte also um rund 8° zugenommen. Am Ausgange des Englischen 
Kanals dagegen, über. den sogenannten „Gründen“, war die Wasserwärme am 
9, April 11° und bei der Rückkehr im Juni 11 bis 12°, wobei freilich zu 
beachten ist, dafs auf der Rückreise der Meridian von Lizard in nördlicherer 
Breite geschnitten wurde als auf der Heimreise; immerhin ist die Zunahme der 
Wassertemperatur hierselbst verschwindend klein gegenüber derjenigen in der 
Nordsee für den gleichen Zeitraum. 
Auffällig sind sodann noch die am 11. und 12. Mai unter der Nordküste 
Venezuelas zwischen La Guaira und Carüpano einerseits sowie zwischen Carüpano 
und Trinidad ander@rseits gemessenen Oberfläächentemperaturen. Eine anhaltende 
und für ein vergleichsweises grofses Meeresgebiet geltende Temperatur- 
erniedrigung um 2,5° unter die sonst normalen Werthe ist in tropischen Ge- 
wässern fast in allen Fällen nur durch die Einwirkung von kaltem Tiefenwasser, 
welches dem Oberflächenwasser sich beimischt, denkbar und erklärlich. Kine 
solche Erklärung wird hier besonders durch den Umstand nahe gelegt, dafs wir 
gerade am 11. und 12. uns auf einem Flachseegebiet von nur 60—25 Faden 
Tiefe befanden, welches alle Eigenschaften einer grofsen Untiefe aufweist, und 
es ist eine alte Erfahrungsthatsache, dafs auf Untiefen, die in der Mitte oder 
am Rande starker Strömungen (in unserem Falle der westwärts gerichteten 
Aequatorialströmung) liegen, Tiefenwasser nach oben gesaugt, „aspirirt“ wird. 
Das gesammte Meeresgebiet rund um die Insel Margarita producirt, vielleicht 
gerade weil die Tiefen gering und die Temperaturen niedrig sind, viel Pflanzen- 
plankton (Diatomeen) und ist sehr fischreich; bekannt ist die Ausbeute an werth- 
vollen hellen und schwarzen Perlen, welche von Franzosen in einer leider raub- 
artigen Fischerei erlangt wird. — Dafs mit dem Pflanzenreichthum eine voll- 
kommen hellgrüne, ja gelbgrüne Wasserfarbe verbunden war, ist nicht ver- 
wunderlich; der hohe Salzgehalt vom 11. Mai 10" a scheint mir verdächtig hoch 
und ist vielleicht fehlerhaft, immerhin ist im Hinblick auf die Bestimmungen 
vom 11. 5° p und vom 12. 10* p eine leichte Zunahme der Salinität für das 
kühle Flachseewasser wohl sicher und eben durch die Beimengung von salz- 
reicherem Tiefenwasser erklärbar. 
Der ebenfalls seichte Golf von Paria, an welchem Port of Spain liegt, 
gehört, obschon er an die eben beschriebene Flachseezone sich anreiht, ozeano- 
graphisch nicht dazu; er ist vor der Einwirkung der Südäquatorialströmung 
durch die engen Eingänge im Süden und Norden geschützt und hat mit der 
hohen Temperatur und stark herabgesetzten Concentration. seines Wassers in 
der Hauptsache nur als ein Aestuarium für den Guarapiche und die nördlichen 
Deltamündungen des Orinoco zu gelten. — 
Die Messungen des Salzgehaltes während der gesammten Rundreise 
ergeben, wenn sie mit der in den gangbaren Karten”) niedergelegten geographischen 
Vertheilung dieses Faktors verglichen werden, folgende bemerkenswerthe Eigen- 
thümlichkeiten. 
In dem nördlich vom Wendekreis gelegenen Theile des offenen Atlantischen 
Ozeans blieb der Salzgehalt fast überall um !/3 °0o hinter den durchschnittlich 
1) Jena, &. Fischer, 1902. Textband und Atlas, Vgl. diese Zeitschrift, Jahrg. 1902, 
Seite 321. . . en . . 
2) Vgl. Krümmel in „Geophysikal. Beobachtungen“, Kiel 1893, Taf. 1, und Schott im 
„Valdivia“-Werk, Jena 1902. Taf, XXXIN.
	        
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