430 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, September 1902.
den venezolanischen Präsidenten Castro inscenirten Revolution, deren Resultat
augenblicklich noch zweifelhaft ist. In und um Carüpano hatten äufserst
blutige Kämpfe sowie Bombardements von See aus stattgefunden, die Stadt war
in den Händen der Revolutionspartei unter dem General Nicolas Rolando;
der holländische und der französische Postdampfer hatten es nicht mehr gewagt,
den Platz anzulaufen, so dafs die „Croatia“ ein hochwillkommener Gast war und
aus allen Kreisen der äufserst beunruhigten Bevölkerung etwa 100 Flüchtlinge,
welche all ihr Hab und Gut im Stich liefsen, an Bord nahm und nach Port
of Spain auf Trinidad in Sicherheit brachte.!)
In Trinidad, wo ich am 13. Mai, also 5 Tage nach dem Untergange von
Saint Pierre auf Martinique, eintraf, konnte ich einige authentische Nachrichten
über den Vulkanausbruch des Mont Pele sammeln, zumal von Port of Spain
aus Hülfsexpeditionen organisirt wurden. Obschon der Dampfer am 14. und
15. Mai während der Ueberfahrt von Trinidad nach St. Thomas auf nur etwa
200 km Entfernung im Westen von Martinique vorbeikam, war doch nichts
mehr von Rauch oder Dunst zu bemerken; dagegen war am 10, und 11. Mai bei
La Guaira und Carüpano eine höchst auffällige, intensiv purpurrothe Dämmerung
mit schmieriger, dunstiger Luft zu sehen gewesen, welche erst als Vorbote eines
Orkans gedeutet wurde, dann aber, als die Kunde von dem Vulkanausbruch
kam, mit Sicherheit auf die in den unteren Luftschichten vertheilten feinen und
feinsten Aschetheilchen zurückgeführt wurde. Offenbar hatte der Nordostpassat
innerhalb zweier Tage die Luft wieder gereinigt und mit einer annähernden
Geschwindigkeit von etwa 4 m in der Sekunde die Aschetheilchen westwärts in
das Karaibische Meer fortgeführt.)
Von St. Thomas aus dampfte die „Croatia“ nach Kap Haiti und Fort
Libert€ an der Nordküste der Insel Haiti, um speciell in Fort Liberte eine
grofse Menge Blauholz zu laden. Der Präsident von Haiti, Theresias Augustin
Simon Sam, hatte vor Kurzem die Republik verlassen, und die seitdem zwischen
sechs Bewerbern bekanntlich zum vollen Ausbruch gekommenen Kämpfe um die
Präsidentschaft waren in den Anfängen bemerkbar.
Die Heimreise von Kap Haiti nach Havre und Hamburg erfolgte im
gröfsten Kreise auf dem Wege durch die Muchoir-Passage im Südosten der
Turk-Insel. Während wir auf der Ausreise nach Westindien im April einen
3ehr schweren Nordoststurm im Nordosten der Azoren und auch sonst mehrfach
steife Winde zu verzeichnen gehabt hatten, war die Heimreise über den Ozean
durch eine ganz auffallende, nahezu zwei Wochen lang anhaltende Windstille
oder ganz leichte Ostbrise bei glatter, nur von Dünungen durchzogener See
gekennzeichnet; allerdings ist eine Ausnahme zu bemerken, indem nämlich
zwischen dem 23. und 26. Mai nördlich von St. Thomas einer der westindischen
Orkane sich befunden haben muls, welcher einem französischen Postdampfer
beinahe den Untergang gebracht hat und für die „Croatia“ zwischen rund
28° und 30° N-Br., 63 und 61° W-Lg. stürmischen ÖOst—SSO bei fallendem
Barometer und kolossalem Regen bedingte.
Die während der ganzen Rundreise erlangten photographischen Küsten-
aufnahmen und Beschreibungen von Häfen und Rheden werden wohl von anderer
Seite verwerthet werden; sonstige geographische Beobachtungen gedenke ich
gelegentlich zu veröffentlichen, so dafs ich mich jetzt darauf beschränken’ kann,
die speciell ozeanographischen Messungen in den nachstehenden Tabellen vor-
zulegen. Es war selbstverständlich vollkommen ausgeschlossen, irgend welche
Tiefseearbeiten, selbst in beschränktem Umfange, auszuführen, da der Post-
dampfer auf See niemals, selbst nicht während einer Viertelstunde, hat stoppen
dürfen. (Die nunmehr folgenden Beobachtungen geben ein schönes Beispiel da-
für, welche schätzenswerthen Resultate bei vorhandenem Interesse mit ent-
3prechender instrumenteller Ausrüstung und nach überlegitem Plane ozeano-
graphische Untersuchungen auch dann geben können, wenn die Umstände nicht
gestatten, auf diese Untersuchungen im Schiffsbetriebe besondere Rücksichten
zu nehmen. D. Red.) ;
1) Einen weiteren Theil der Bevölkerung Carüpanos, wohl besonders den Rest der ansässigen
Europäer, hat neuerdings S. M. Kreuzer „Gazelle“ abgeholt.
2) Vergl. hierzu Kleinere Mittheilungen: Ungewöhnliche Abendröthe, „Ann, d. Hydr. ete.“,
1902, S. 458 und die Ausführungen in Peterm. „Geogr. Mitteil.“ 1902, Juniheft.