Meyer, H.: Der Orkan im Indischen Ozean im Mai 1902. 387
. Der-Reichspostdampfer „Königin Luise“, bei dem der Wind“ aus
südlicher Richtung begann und dann -auffrischend östlich drehte, war im Stande,
die Bahn des Orkans noch zeitig genug zu kreuzen, und dieses schnelle Schiff lief
auf westlichem Kurse auch bald. aus‘ dem Bereiche der verderblichen Wirkung
des Orkans, „.
Der. viel langsamere Dampfer „Goldenfels“, dem die „Königin
Luise“ am .7. Mai um 6!" V. vorbeigelaufen war und bei dem der Wind eben-
falls aus südlicher Richtung begann, war nicht mehr in der gleich günstigen
Lage. Er steuerte zwar zunächst an der Nordseite des Centrums auf westlichem
Kurse weiter mit günstigem Ostwinde, der die Fahrt beschleunigte, doch das
sich allmählich weiter nach Norden bewegende Sturmcentrum rückte dabei-zu-
sehends näher, so dafs der Wind plötzlich nach Norden: ausschofs. Dadurch
wurde der Vorwärtsgang des Schiffes gehemmt. Als dann auch gleichzeitig die
Steuerkette brach, kam das Schiff völlig ins Treiben und gelangte infolge des
schweren Nordsturmes und der Nordwärtsbewegung des Sturmcentrums bald-an
die Südseite desselben, wo der Wind mit gleicher Heftigkeit aus westlicher
Richtung wehte. Das nach Norden liegende Schiff trieb nunmehr mit annähernd
derselben Geschwindigkeit nordostwärts, mit der sich das Sturmcentrum. in
ähnlicher Richtung bewegte. Es überholte das letztere sogar und gelangte
dadurch am 8. Mai um 2“ N. in das Centrum des Orkans, wo man nur 723,9 mm
Luftdruck und leichten westlichen Wind vorfand. Da das Centrum: sich in
seiner Bahn weiter bewegte, für das Schiff aber die treibende Kraft, der west-
liche Orkan, aufgehört hatte, so gelangte dasselbe wieder in den Bereich des
stürmischen Nordwindes und durch diesen zum zweiten Male nach der Südseite
des Orkanfeldes in den Bereich der westlichen Winde. Obwohl das Schiff sich
auch jetzt wieder langsam nordostwärts bewegte, blieb es doch diesmal hinter
dem Centrum zurück, das sich allmählich weiter vom Schiffe entfernte. - Infolge-
dessen. nahm auch allmählich die Stärke des‘ Windes etwas ab, und als man
erst im Stande war, westlichen Kurs zu steuern, war man bald aus dem Bereiche
des Sturmfeldes.
Der Dampfer „Aragonia“ befand sich um Mitternacht vom 7; bis 8. Mai
noch reichlich 2° östlich vom Dampfer „Goldenfels“; als letzteren: schon ‘die
volle Wucht des Orkans traf. KErsterer steuerte bei frischem südlichen: Winde
unbekümmert westwärts und gelangte so allmählich ebenfalls in das Orkanfeld.
Bis um 8" V, am 8. Mai war er um mehr als 1° westlicher und damit bereits
in das Orkanfeld gekommen. Man hatte Südostwind von Stärke 10, während
der fast auf derselben Breite etwa 40 Sm westlicher sich befindende‘ Dampfer
„Goldenfels“ Weststurm von der Stärke 11 hatte. Das Barometer war bis dahin
nur um etwa 2 mm gegen den vorhergehenden Abend um dieselbe. Uhrzeit ge-
fallen. Man lag jetzt westwärts. Der Wind wehte darauf mit unverminderter
Heftigkeit aus südsüdöstlicher bis südsüdwestlicher Richtung. in Stärke 11, und
das Barometer fiel langsam aber: beständig weiter, bis man sich 6*-N, in nächster
Nähe vom Centrum befand, wo der Luftdruck 723,5 mm betrug. Jn gleicher
Entfernung davon trieb man nordostwärts weiter bis nach Mitternacht, von
wann an das Schiff nach Süd lag. Darauf ging der Wind allmählich um nach
WSW und West, und das Barometer stieg von 722,9 bis auf 725,9 mm; doch als
man das Schiff jetzt nordwärts legte, fiel das Barometer schnell wieder, bis
6h V, auf 719,5, und bis 7" auf 717,0 mm, wobei der Wind durch Süd und
SO. nach Ost drehte. Mit dem Ostwinde lag man nach NNW und ‚gelangte da-
durch nach der Westseite des Orkanfeldes in den Bereich der Nordwinde. Mit
diesen lag man westwärts und kam jetzt verhältnifsmäfsig schnell :aus: dem
Bereich der starken Winde.. Während der Zeit, dafs die „Aragonia“ das Centrum
des. Orkans umkreiste, befand «sich der Dampfer „Goldenfels“ bereits stets an
dessen Südseite in gröfserer Entfernung davon mit beständigen, wenn auch noch
stürmischen, so doch nicht mehr orkanartigen südwestlichen Winden.
Der Dampfer „Ehrenfels“, der nach einer Notiz im Tagebuche des
Dampfers „Aragonia“ am Mittag des 6, Mai von diesem überholt worden war
und sich nach der Angabe des 1. Offiziers am Mittag des 7. Mai auf 11° 30‘ N-Br.
und 60° 4‘ O-Lg. befunden hatte, stand zu jener Zeit etwa 25 Sm südsüdöstlich
vom Dampfer „Aragonia“, steuerte dann aber einen etwas nördlicheren Kurs
als dieser Dampfer. Dadurch kam er zunächst in südöstliche Richtung von: der
Ann. d. Hydr. ete., 1902. Heft YIIL