386 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, August 1902,
bald den Anblick gröfster Zerstörung bot. Von 1° 25=i2 bis 1 30i» trat Wind-
stille und Sonnenschein ein. Darauf setzte der furchtbare Orkan mit voller
Gewalt aus entgegengesetzter Richtung, aus NW ein, wobei die hoch auf-
thürmende, wild durcheinander laufende See von allen Seiten über das Schiff
hinweg brach.
Das Schiff, dem die Luken eingeschlagen waren, füllte sich zusehends
mit Wasser und mufste kurz vor dem Sinken verlassen werden, was in der
folgenden Nacht geschah. Es trieb bis dahin hülflos mit dem Winde fort. Ein
Boot mit Mannschaft unter Führung des 1. Offiziers wurde später von dem
englischen Dampfer „Queen Alexandra“, Kapt. Harris, aufgenommen, von dem
Rest der Besatzung hörte man nichts wieder.
Dieses Boot, theils treibend, theils segelnd, hatte am 9. und 10. Mai noch
beständig anhaltenden Sturm mit Regen. Am 11. Mai Wind und Seegang ab-
nehmend. Am 12. Mai Wind und Seegang weiter abnehmend; Wetter aufklarend.
Man steckte zwei Reffe in das Segel und segelte mit Südwestwind nordwärts,
Am 13, Mai wurde die Mannschaft auf 15° 53‘ N-Br. und 58° 46‘ O-Lg. von dem
bereits erwähnten Dampfer aufgenommen. Der Schiffsort, auf dem „Ehrenfels“
verlassen wurde und vermuthlich gesunken ist, wird auf 12° 30‘ N-Br. und
56° 25‘ O-Lg. angegeben. Unzweifelhaft ist dieser Schiffsort aber nur annähernd
richtig. Es werden auch beim Dampfer „Ehrenfels“ erhebliche Irrthümer in
Bezug auf den Schiffsort obwalten, verursacht durch das schwere Wetter, ebenso
wie bei den andern beiden Schiffen.
Die beiden Kärtchen in synoptischer Form in Fig. 1 u. 2 der Tafel 16 zeigen
die Witterungsverhältnisse der Gesammterscheinung für die Zeiten Mitternacht
vom 7. bis 8. Mai und um 8" morgens am 8. Mai. Fig. 3 zeigt den Verlauf des
Orkans für alle vier Schiffe. Fig. 4, Tafel 16, giebt die ganze Bahn des Orkans,
soweit sie wahrgenommen, wieder, bis zur Westküste von Vorderindien.
Wenn stellenweise die Verhältnisse später nicht ganz zutreffend er-
scheinen sollten, so kann die nicht absolut sichere Lage der Schiffsorte die
Ursache davon sein. Bei den schwachen Winden mufs aufserdem berücksichtigt
werden, dafs die Berichte von Dampfern stammen, auf denen solche Beobachtungen
nicht so zuverlässig sind, wie auf Segelschiffen. |
Der Ursprung des Orkans. Ueber die Vorgeschichte des Orkans geben
die bislang bei der Seewarte eingegangenen Tagebücher nicht den mindesten
Aufschlufs, Die Gegend von 11° bis 13° N-Br. und 50° bis 60° W-Lg. wurde
kurz vorher von mehreren, vom Osten kommenden Dampfern durchfahren, ohne
dafs einer von ihnen etwas wahrnahm, was auf unruhiges Wetter oder gar einen
nahen Orkan hätte schliefsen lassen können. Dampfer „Bamberg“, Kapt. Zur-
bonsen, passirte jene Gegend am 4. und 5. Mai, Dampfer „Stuttgart“, Kapt.
Grosch, am 3. und 4. Mai, und mehrere andere Dampfer Ende April. Dampfer
„König Albert“, Kapt. Polack, passirte diesen Meerestheil später, vom
14. bis 17, Mai, doch auch dieser nahm keine Anzeichen des Orkans mehr wahr.
Es liegen daher zwei Möglichkeiten vor in Bezug auf den vorherigen
Zustand. Entweder hat der Orkan sich in jener Gegend und zu dieser Zeit erst
gebildet, oder er ist vom Süden her gekommen. Kine Furche niedrigen Luft-
drucks, die der Bildung von Orkanen sehr förderlich ist, bestand in jener Breite
und südlich davon. Der von Ostafrika kommende Reichspostdampfer „Herzog“,
Kapt. Stahl, hatte von 7° N-Br. an verhältnifsmäfsig niedrigen Luftdruck und
ruhiges Wetter. Der niedrigste Luftdruck wurde an Bord dieses Schiffes am
4. Mai auf 12,7° N-Br. und 43,6° O-Lg. beobachtet mit 751 mm bei veränder-
lichen südlichen Winden von Stärke 4 bis 7.
Da auch die ausgehenden Dampfer fast alle denselben Weg nehmen, so
ist kaum zu erwarten, dafs man über den Ursprung dieses Orkans oder seine
eventuelle frühere Bahn etwas Genaueres erfährt. Jedoch auch aus den vor-
liegenden Daten ergiebt sich ein Schlufs. der von segensreicher Wirkung für
die Schiffahrt werden kann.
Der Verlauf des Orkans. Wie aus der Darstellung ersichtlich, bewegte
sich das Centrum in den ersten 24 Stunden nur etwa von 12° bis nach 13° N-Br.
und während der nächsten 24 Stunden um etwa 1'/° weiter nach Norden,
während es in den beiden Tagen gleichzeitig sich nur etwa 1° ostwärts
bewerte.