Meyer, H.: ‘Der Orkan im Indischen Ozean im Mai 1902, 383
Mai und in den Juni übergehend ereignete sich aulserdem noch der bekannteste
Orkan jener Gegend, der im Jahre 1885 vermuthlich den Untergang S. M. S.
„Augusta“ herbeiführte. Derselbe wurde im Jahrgang 1886 dieser Zeitschrift
eingehend behandelt. Er nahm von etwa 13° N-Br. und 61° O-Lg. an eine rein
westliche Richtung nach dem Golf von Aden, bei welcher Stadt er vier Tage
später eintraf. ;
Nach dem erwähnten englischen Werk zerfallen die Orkane im Gebiete
des Arabischen Meeres in zwei Klassen, von denen die Bahnen der ersten dieser
Klasse die Indische Halbinsel kreuzen und dann in der Nähe der Westküste
endigen, während die Minima der anderen Klasse sich in der Gegend der
Laccadiven oder der Maladiven bilden und, wenn voll entwickelt, nördliche
oder nordnordwestliche Bahnen einschlagen bis etwa zur Breite von Bombay,
worauf sie westlicher biegen und den nördlichen Theil des Arabischen Meeres
in nordwestlicher Richtung kreuzen.
Die Richtigkeit dieser Angaben darf man wohl nicht in Zweifel ziehen,
wenn auch die angegebenen Bahnen von den bekannten Bahnen auf ähnlichen
Breiten in anderen Gegenden der Erde abweichen. Letztere biegen überall auf
N-Br., wenn sie erst nördliche Richtung innegehalten haben, nach rechts ab,
nehmen also nordöstliche Richtung an. Im Indischen Ozean indessen, dessen
nördlicher Theil gröfstentheils von einer geschlossenen Landmasse umgeben
wird, mögen wohl abweichende Verhältnisse in Bezug auf Orkanbahnen bestehen.
Nach dem inzwischen bei der Seewarte eingegangenen indischen Wetterbericht
vom 13. Mai d. J. kam allerdings nach der Publikation des erwähnten Werkes
über die Cyclonen im Arabischen Meere, und zwar im Mai 1892, ein Orkan vor,
der eine nordöstliche Bahn einschlug.
Zu der Darstellung des diesjährigen Orkans übergehend, muls vorweg
bemerkt werden, dafs die Schiffsorte der beiden am meisten in Betracht
kommenden Schiffe, des Dampfers „Goldenfels“ und des Dampfers „Aragonia“,
nicht absolut genau sind, weil auf beiden während dreier Tage keine astronomische
Ortsbestimmung gemacht werden konnte. Obwohl diese beiden Schiffe sich
gröfstentheils in nächster Nähe von einander befanden, weichen die angegebenen
Versetzungen doch erheblich von einander ab. Der Dampfer „Goldenfels“ hatte
in den drei Tagen eine Versetzung von 42 Sm nach S61° O, während dieselbe
sich bei dem Dampfer „Aragonia“ auf 36 Sm nach N34°W stellt. Dieser
Unterschied dürfte wohl vornehmlich darauf zurückzuführen sein, dafs beide
Schiffe sich häufig in entgegengesetzter Richtung vom Orkancentrum befanden
und dementsprechend entgegengesetzte Winde von Orkanstärke hatten.
Es wurde versucht, den Umständen entsprechend durch Interpolation
möglichst genau den jeweiligen Schiffsort beider Schiffe festzustellen, doch mufs
dieses als nicht völlig gelungen bezeichnet werden. Immerhin können die
Schiffsorte stets als annähernd richtig angenommen werden.
Sämmltliche hier erwähnten Schiffe befanden sich auf der Heimreise, auf
dem Wege von Ostindien nach dem Rothen Meere. „Königin Luise“ kam als
erstes Schiff in jener Gegend an; es kreuzte die Orkanbahn nördlich vom Centrum
und lief mit voller Fahrt westwärts steuernd bald aus dem Bereich des Orkan-
feldes, „Goldenfels“, das zweite Schiff, befand sich zunächst nordöstlich vom
Centrum, konnte dessen Bahn aber nicht mehr rechtzeitig kreuzen und gerieth
so recht in das Orkanfeld hinein. „Aragonia“ und „Ehrenfels“ liefen von Osten
mit nördlich von West gesteuerten Kursen recht auf das Centrum zu.
Nachstehend folgt zunächst ein Auszug aus den Tagebüchern der drei
erstgenannten Schiffe, sowie ein Auszug aus dem erwähnten Bericht des 1. Offiziers
vom Dampfer „Ehrenfels“, Diesen entsprechend‘ und ergänzend dient die Dar-
stellung auf Tafel 16, die den Verlauf des Orkans bildlich vorführt. Die Zahlen
1 bis 4 bezeichnen in Fig. 1 die Schiffe, wie bei den Auszügen ihrer Tagebücher,
Die Stände der Marine-Barometer sind auf 0° und den Meeresspiegel reduzirt;
die der „Königin Luise“ nach bestimmter, die der „Aragonia“ nach geschätzter
Höhe des Barometergefäfses. Die Ablesungen der Aneroide sind unverändert
gegeben. Zum Schlusse folgt eine kurzgefafste Besprechung der Gesammt-
erscheinung.