382 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, August 1902.
wendung einfacher mechanischer geometrischer Grundsätze erheischte, um die
Aufzeichnungen auf nicht durch die Fahrt beeinflufste Werthe zurückzuführen,
hat für jene, die mit dem Wesen der Windbeobachtungen auf See nicht genügend
vertraut sind, etwas Bestechendes. So fanden‘denn auch die Tabellen, die den
Anlafs zu diesen zeitraubenden Untersuchungen gaben, selbst in sonst gut
unterrichteten Kreisen Anklang und warme Empfehlung. Wir glauben hier nur
einer Pflicht gegen den praktischen Seemann zu genügen, wenn wir unter
mehreren auf das in seemännischen Kreisen Deutschlands viel gelesene und
mit Recht geschätzte Blatt „Hansa“ hinweisen. In No. 49 dieser Zeitschrift
vom 7. Dezember 1901 (Seite 579) wird die stetige Anwendung der Tabellen
empfohlen, was nach der vornsiehenden Erörterung doch wohl nicht gerecht-
fertigt erscheint. Im Interesse der Verbreitung einer Kenntnißfs des wahren
Sachverhaltes wäre es wünschenswerth, dafs das Wesentlichste der Ergebnisse
dieser Untersuchung bekannt gegeben würde und dafs namentlich Blätter, die
für die Anwendung der in Rede stehenden Tabelle einzutreten für zweckmäfsig
erachteten, eine Richtigstellung dieser wichtigen maritim-meteorologischen Frage
in ihre Spalten zu bringen sich veranlafst sehen möchten,
Der Orkan im Indischen Ozean im Mai 1902.
Verlust des Dampfers „Ehrenfels“,
Von Kapt. H, Meyer, Assistent bei der Seewarte,
(Hierzu Tafel 16.)
In der ersten Hälfte des Monats Mai 1902 wüthete im nordwestlichen
Theile des Indischen Ozeans ein Orkan, dem am 9. Mai in der Nähe der Insel
Socotra der deutsche Dampfer „Ehrenfels“, Kapt. Gramberg, zum Opfer fiel.
In demselben Orkan befanden sich von deutschen Schiffen aufserdem noch die
Dampfer „Goldenfels“, Kapt. L. Schmidt, „Königin Luise“, Kapt. 0. Volger,
und „Aragonia“, Kapt. Forst. An Beobachtungsmaterial während dieses Orkans
liegt das Schiffstagebuch des Dampfers „Goldenfels“ in Abschrift und die für die
Seewarte geführten Meteorologischen Tagebücher der beiden anderen Dampfer
vor, An Bord des „Goldenfels“ befand sich ein, anscheinend gutes, Aneroid-
Barometer; die beiden anderen Schiffe waren mit guten Marine-Barometern
ausgerüstet.
Aufser diesem Material stehen zur Darstellung des Orkans und seiner
Bahn noch einige andere Quellen zur Verfügung, die zum Theil allerdings
weniger zuverlässig sind. Unter ihnen befindet sich ein in der „Weser-Zeitung“
veröffentlichter Bericht vom geretteten 1. Offizier des untergegangenen Dampfers
„Ehrenfels“, Herrn v. Thülen, mehrere Zeitungsberichte und Telegramme der
„Shipping and Mercantile Gazette“, sowie die Indischen Wetterberichte des
Meteorologischen Instituts für Indien,
Da Orkane in jener Gegend nicht häufig vorkommen und daher über ihr
Wesen und ihre Bahnen wenig Zuverlässiges bekannt ist, so erscheint es im
Interesse der Schiffahrt geboten, das vorliegende Material zu bearbeiten und zu
veröffentlichen, um einen Anhalt über das Wesen und den Verlauf dieses Orkans
zu gewinnen.
Das im Jahre 1891 vom Meteorologischen Institut in Calcutta veröffent-
lichte Werk: „Cyclone Memoirs, Part IV, Arabian Sea“, führt insgesammt nur
54 Orkane auf, die sich in der Zeit von 1648 bis 1889 im Arabischen Meere,
dem nordwestlichen Theile des Indischen Ozeans, ereignet haben. Von dieser
Gesammtzahl kommen 10 auf den Monat Mai. Unter diesen 10 sind nähere
Daten, die sich zur Beurtheilung der Bahnen eignen, nur von dreien bekannt.
Diese traten sämmtlich erheblich weiter nach Östen auf, als der diesjährige
Orkan; ihre Bahnen waren zunächst nördlich, später nordwestlich. Von den
übrigen sieben kennt man nur je ein Gebiet, in dem sie wütheten. Am Ende