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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, August 1902.
Die 1894 von ihm veröffentlichte Tabelle leitet das Hydrographic
Office mit den folgenden Worten ein: „The observers for this Office, as a rule,
report the direction and velocity of the wind correctly, and they are familiar
with the fact that there is sometimes a great difference between the apparent
direction and velocity, as indicated by vanes, flag or pennant on board ship and
the true direction and velocity with which the wind is blowing. Practical
seamen determine the true direction and force of the wind from indications outside
of the ship, such as the waves etc. The table is published merely for practical
convenience, for use at night, in fog etc.“ Im Jahre 1901 schreibt genanntes
Amt dagegen: „The necessity for this caution — nämlich den Einflufs der
Fahrtrichtung und Geschwindigkeit zu berücksichtigen — becomes evident as
800n as the attempt is made to plot the simultaneous Greenwich mean noon
observations upon the daily synoptic charts, the wind as recorded at the same
instant of time by vessels in immediate vicinity of each other, but sailing
different courses, frequently showing a discrepancy of several compass points in
respect to direction, and equally as marked a discrepancy in respect to force.
This is notably frequent when the wind is light and the speed of the vessel is
high.“ Die einzige einschränkende Bemerkung hierzu giebt der darauf folgende
Satz: „With fresh or strong winds it is frequently quite possible to determine
the direction (but not the force) from the sea or lower clouds. With light
winds, however, as well as at night and during foggy weather, this method fails.“
Bei der Aufstellung der Tabelle von 1901 ist also das Hydrographie
Office offenbar von der Voraussetzung ausgegangen, dafs die Schätzung der
Windrichtung und -stärke auf Dampfern in der Regel ebenso erfolge wie auf
dem Lande, nämlich nach dem empfundenen Druck des Windes, dem Auswehen
der Flaggen, Wimpel und dergl. Erscheinungen auf dem Schiff selbst. Es wird
also angenommen, dafs der Beobachter die relative Bewegung der Luft gegen
das Schiff ähnlich wie ein Anemometer angäbe, also den Einflufs der Fahrt des
Schiffes überhaupt nicht bei der Schätzung der wahren Windrichtung und -stärke
berücksichtige und nicht diese, sondern die scheinbare angäbe.
Nun sind die in diesen Tabellen enthaltenen Korrektionen, wie man sieht,
zum Theil so bedeutend, dafs sie, wenn sie berechtigt sind, unbedingt nicht
vernachlässigt werden dürften. Es entsteht daher die Frage, ob auch die für
die Seewarte beobachtenden deutschen Seeleute mit einer entsprechenden
Anweisung zu versehen seien, und ob die bisher von der Seewarte gesammelten
und veröffentlichten Windbeobachtungen in solcher Weise von der Fahrt des
Schiffes beeinflufst sind? Die Erfahrung an den Tausenden von synoptischen
Karten, die auf der Seewarte gezeichnet worden sind, hat zwar längst gezeigt,
dafs dieses nicht der Fall ist, dafs vielmehr die Unterschiede in den Wind-
angaben sich begegnender Schiffe nur sehr gering sind. Allein eine eingehende
Prüfung des Gegenstandes lag noch nicht vor.
Eine solche Prüfung kann nur an der Hand der Erfahrung, auf Grund
eines reichen Beobachtungsmaterials erfolgen. Theoretische, geometrische Be-
trachtungen sind hier werthlos, weil wir es nicht mit Aufzeichnungen eines
mechanischen Apparats, sondern mit Verstandesoperationen zu thun haben, in
denen jene Ueberlegungen, bewufst oder unbewulfst, bereits bis zu einem Betrage
mitgewirkt haben, der sich nur erfahrungsmäfsig feststellen läfst.
Sicher ist, dafs erfahrene Seeleute allgemein sich in ihren Schätzungen
des Windes nicht nur nach Erscheinungen auf dem bewegten Schiff, sondern
auch nach solchen aufserhalb desselben richten; wie viel die Schätzung hierdurch
beeinflufst wird, kann nur die Erfahrung lehren.
Zur ersten Orientirung wollen wir einige Beispiele aus einer Jedermann
zugänglichen Quelle herausgreifen. In dem internationalen Dekadenbericht, der
dreimal im Monat als Beilage zu den Wetterberichten der Seewarte erscheint,
findet sich stets eine graphische Darstellung der Reisen, welche deutsche
Dampfer in dieser Dekade zwischen Lizard einerseits und New York, Baltimore
oder Philadelphia andererseits gemacht haben, mit Angabe ihrer Windbeobach-
tungen um 8 V, Nach den Vereinbarungen der Dampfer-Gesellschaften liegen
die Ausreisen um 1 Breitengrad von den Heimreisen entfernt. Dennoch zeigt
sich in der Regel zwischen den Windangaben beiderlei Schiffe, selbst wenn sie
zugleich 1 bis 2° Längengrad Abstand haben, grofse Uebereinstimmung.