Ann. d. Hydr. ete., XXX. Jahrg. (1902), Heft VII.
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Fehler in der Schätzung der Windrichtung und Windstärke auf
Dampfern,
]. Die Korrektionstabellen
der Washingtoner Pilot Chart of the North Atlantic Ocean.
Im Herbst 1901 veröffentlichte das Hydrographic Office zu Washington
in der „Pilot Chart of the North Atlantic Ocean, November 1901“ eine Tabelle
zur Berechnung der wahren Windrichtung und -stärke aus der scheinbaren je
nach Kurs und Geschwindigkeit des Schiffes. Im Februar 1894 hatte bereits
dasselbe Amt eine ähnliche Tabelle herausgegeben. . In beiden Tabellen ist die
wahre Windrichtung und -stärke aus der scheinbaren, der Geschwindigkeit des
Schiffes und dem Winkel zwischen Kurs und Windrichtung nach dem Satz vom
Parallelogramm der Kräfte berechnet worden, also nach rein geometrischen
Gesichtspunkten.
Behufs Gewinnung einer Uebersicht über die Gröfse der Korrektionen,
um die es sich 'hier handelt, leiten wir dieselben aus der Tabelle von 1901 für
jeden zweiten Beaufortgrad und jeden vierten Strich ab für eine Fahrtgeschwindig-
keit von 20 Knoten, wie sie dem Durchschnitt unserer Schnelldampfer entspricht.
Der wahre Wind ist stets achterlicher als der scheinbare; er ist stärker als
der letztere, wo ein +, schwächer, wo ein — steht.
Als Eingänge der Tabelle dienen die scheinbare Richtung und Stärke
des Windes; der Inhalt der Tabelle liefert die Korrektionen, die an jene an-
zubringen sind, um wirkliche Richtung und Stärke zu erhalten. Wenn z. B.
der scheinbare Wind auf dem Schiffe 4 Strich von vorn, also 4 Strich vorlicher
als dwars, und mit einer Stärke von 6 Beaufort weht, so weht der wirkliche
Wind nach dieser Tabelle dwars zum Schiff und mit einer um 2 Grad geringeren
Stärke, also mit 4 Beaufort.
Scheinbare Richtung in Strichen von vorn:
ET 8 a a TE
Richt, | Stärke | Richt. | Stärke ' Richt. | Stärke | Richt._| Stärke | Richt, | Stärke
X 0] 16
a8 2 16
N 4 0
5 6| "
Ss x 8
a 3
38 10 ‘
zZ 12 “
N
+4
+3
“1
—1
„1 ,
9 |
ı +4
ı +4
+3
+3
„+2
1 | +2?
x 0
0 +5
0 +4
0 +4
0 +3
0 +83
0 | +2
0 0
Die numerischen Werthe in beiden Tabellen weichen etwas von einander
ab, weil verschiedene Annahmen über die den Beaufortgraden entsprechenden
Windgeschwindigkeiten zu Grunde gelegt sind. In der neuen sind sie um etwa
!/s kleiner angenommen worden, immer aber noch viel zu hoch, besonders bei
den mittleren Stärkegraden, deren Geschwindigkeitswerth jetzt als gut festgestellt
gelten kann. Für 4 Beaufort nahm die Pilot Chart 1894 23 Sm in der Stunde
an, 1901 noch immer 20 Sm, während die vorliegenden genauen Vergleichungen
diesem Stärkegrad nur 11,6 bis höchstens 15,1 Sm per Stunde geben (6,1 bis
7,9 m ps, im Mittel 6,7). Würde man. die richtigeren Zahlen einsetzen, so
würde die Korrektion, aufser in den Fällen sehr schwachen scheinbaren Windes
von vorne, noch gröfser werden.
. Die Hauptfrage ist indessen nicht die, ob die Werthe der Tabelle größer
oder kleiner zu nehmen sind, sondern ob und wann. eine solche Tabelle über-
haupt zur Anwendung kommen soll und kann,
Ann, d. Hydr. ote., 1902, Heft YIM.